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Mittwoch, 2. März 2011

DREI Nummer 963

In den "Gedichten des Tages stelle ich morgen meine aktuellsten lyrische Versuche vor. "Schlüsselkind" ist gereimt, "Wir Virtuellen Kannibalen" ein langer, expressiver Schrei, den ich mir vorgenommen habe, morgen zur Diskussion zu stellen. 
Heute nun die 7. und letzte Fortsetzung von "Eine wunde Stelle", also der Schluss:

Der Tag des Abschieds näherte sich wie im Zeitraffer. Michael war sich sicher, dass Nastjenka ihn mochte. Auch Galja nahm ihn als Mann und zukünftigen Ernährer an. Über mehr wollte Michael nicht nachdenken. Was aber bliebe von all dem, sobald er zugab, dass er nicht das golden schimmernde Germany verkörpern konnte, das Galja zu ihrer Heiratsanzeige veranlasst hatte?
Zwischen ihm und Galjas Träumen lag seine Nummer im Arbeitsamtsbereich Lichtenberg von Berlin. Doch inzwischen wünschte er sich nicht mehr nur eine Frau und eine Familie, sondern genau diese.
„I already wondered that they let me go abroad for this holyday without satisfaction of Nastjenka´s father. He would never give. Or he would – with my money in his hands ...“
Sollte Michael Nastja ihrem leiblichen Vater sozusagen abzukaufen? Dann müsste er jetzt einfach fragen: „How much would take it us?“ Bevor er sich dessen bewusst war, hatte er es getan. „I just don´t know. Much, of cause.“, antwortete sie.
Sie gingen zusammen spazieren. Ein Geldautomat. Überweisungen nach Kasachstan waren teuer. Da drückte er ihr lieber 2000 Euro in die Hand. Mehr … nein, eigentlich konnte er auch die nicht entbehren. Aber irgendwie fühlte er sich besser. Aber wenn ...
„I have an idea. Why don´t you go back alone and I save Nastjenka against all offices till we can come together as an entired family. In this time I teach her German. I will take me the time.“
Was erzählte er da nur?! Dass er sich die Zeit, das Mädchen die deutsche Sprache zu lehren, nicht nehmen musste, weil er im Überfluss davon haben würde, warum sagte er es nicht endlich? Er wusste ja nicht einmal, ob er je würde jemanden gegen Ämter beschützen können. Die Hoffnung auf ein Leben mit Nastja aber bliebe erhalten, bis....
„You take her with violence?“
Was sollte die Frage? Ob er Nastjenka mit Gewalt wegnehmen könnte? Wieso das? Auf keinen Fall. Was traute sie ihm zu? Aber der Klang ihrer Stimme … Nein. Das war keine Frage. Das war eine Aufforderung, es so darstellen zu dürfen. So wäre das Problem, Nastja über die Grenze zu bekommen, bereits gelöst. Sie wäre schon hier und Galja würde dann alles tun, um für immer nachzukommen.
Aber die Zweifel in Galjas Augen. Wie lange? Woher sollte er das wissen? Und offen lügen wollte er nicht. Nur bittend sah er sie an.
„With violence. With violence ...“
„You tell it Nastja? You tell her that she has to do what I order her to do? You tell her with every German word she can use the chance is higher to get her mother back here for ever?“
„Yes, I´ll do so.“

Sie schliefen kaum in der letzten Nacht, auch nicht miteinander, sie lagen nur dicht an dicht. Bevor sich Galja von Michael verabschiedete, drückte sie ihm etwas verlegen eine frische Dose mit Kamillencreme in die Hand.
„Nastjenka often becomes sore…“ „I know ...“

xxx


Der Morgen kam. Eigentlich Zeit zum Abschied nehmen.
Kaum, dass Galja ihre Nastja sah, presste sie sie an sich, als wäre sie ein Elektromagnet. Was sie redete war russisch. Michael stand mit herabhängenden Armen daneben. Wie viel Zeit mochte schon vergangen sein. Michael traute sich nicht einmal, auf die Uhr zu schauen, ob sie denn noch die S-Bahn schafften, die er herausgesucht hatte.
Wortlos begleitete Michael die beiden zum Flughafen. Während der Abfertigung klammerte Galja sich an Nastja fest, als erwartete sie jeden Moment, der deutsche Mann könnte ihr das Mädchen wirklich plötzlich entreißen. Eine Umarmung. Ein Kuss. Flüchtig wie ohne die Nächte zuvor. Endlich trafen Galjas und sein Blick aufeinander. „Ich kann nicht.“ Das klang sehr deutsch. Galja hatte sich sonst kaum bemüht, deutsche Wörter zu behalten. „I know I can trust you but… Ich kann nicht.“ Er hatte selbstverständlich die Tickets bezahlt.
Michaels Arme halb angewinkelt zwischen Winken und sinnlosem Baumeln. Glücklicherweise war Max nicht mit. Oder unglücklicherweise. Er hätte vielleicht abgelenkt.
In der S-Bahn heimwärts hatte Michael einen Fensterplatz. Gärten, Häuschen, grauer Himmel… verschwommen flogen sie an Michaels Augen vorbei. Einen Moment lang lächelte er. Er hatte sich nicht als Verlierer outen müssen. Er brauchte es nicht mehr zu tun.
Zu Hause angekommen folgte er dem Hauch eines vertraut gewordenen Parfums durch alle leeren Räume. Auf seinem Nachtschränkchen entdeckte er Galjas – oder sollte er sagen Nastjas? – Kamillencremedose. Er nahm sie in die Hand, drehte sie hin und her, ging in die Küche, öffnete den Abfalleimer, verharrte einen Moment und warf dann alles in den Müll. „Sie hat mir nicht vertraut“, sagte er halblaut, und durch den Kopf ging ihm „She didn´t trust in me.“
Tagelang hoffte er noch auf eine Antwort, ob Galja denn gut angekommen sei.

Dienstag, 1. März 2011

DREI Nummer 962

Die Gedichte des Tages von morgen erinnern nicht nur an die Friedenslesung (an die in diesem Jahr mit einem Gedicht von de ersten), sondern stellt folgendermaßen zwei neue Gedichte vor:

Wer meint "Du bist Moses" sei blasphemisch, der sei auf ein beliebtes DDR-Jugendbuch verwiesen: "Bin ich Moses" von Hans Weber ...
Einen ganz anderen Optimismus malt da Ursula Gressmann mit "Frühjahr". Gerade bei Winter-Gegenangriffen sollte man nie vergessen: Sie kommt, die "wärmere Jahreszeit"...


Es folgt die Fortsetzung der Geschichte "Eine wunde Stelle" (6):
Im eigenen Bett angekommen lauschte Micha eine Weile in die Nacht. In der Ferne fuhr ein Diesel vorbei. Aus der Wohnung kam kein Geräusch mehr. Galja atmete ruhig und gleichmäßig. Schlief sie? Wartete sie darauf, dass er, der Mann, die Initiative ergriff? Schließlich hatte er sie ja so eindeutig neben sich ins Bett platziert. Michas Hand ging langsam auf Suche. Zuerst stieß sie auf fremden Stoff. Seide. Die Hand wanderte ein Stück abwärts. Haut, Oberschenkel. Wieder aufwärts. Ein Signal der Fingerspitzen: Galja trug keinen Slip und lag abwartend auf dem Bauch. Michael richtete sich auf. Inzwischen hatten sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Die Straßenbeleuchtung ließ wenigstens Silhouetten erkennen. Michaels Hände schoben die Decke weg. Er stoppte. Plötzlich drehte sich Galja auf den Rücken...

Am Morgen war Nastja wortlos mit Maxis Pilot in den Händen ins Schlafzimmer geschlichen. Sie hatte die Köpfe der Erwachsenen nebeneinander liegen sehen und sich zwischen die feuchten Körper unter die Decke gedrängt. Danach war sie wieder eingeschlafen.
Am Abend hatte sie wütend mit ihrer Mama diskutiert. Sogar aufgesprungen war sie, um mit den Füßen aufzustampfen. Schließlich war Galja ins Wohnzimmer gekommen: „Nastjenka wants you bringing her into bed. You shell shower her or go with her into the bathtub. She wants to test you as father I thing ...“
Michael entschied sich für die Badewanne und ein weiches Schaumbad mit viel Schaum. „Cry for me if you are ready or if you need help“, hatte sich Galja von ihm verabschiedet. Beim Fliegenlassen wilder Schaumwolken bis zur Spiegelkonsole brauchte Michael keine Hilfe, und weil Galja mittlere Lautstärke eingestellt hatte, übertönte die Wohnzimmermusik noch das Badgelächter. Dann war Micha als Schaumflockenmann aufgestanden, und er hatte Nastja auf das Badetuch über der Waschmaschine gehievt. Beide lachten weiter. Micha rubbelte kräftig Nastjenkas Rücken und Kopf trocken, die Füße, Unterschenkel und Oberschenkel.
Als sein Daumen die Stelle zwischen den Oberschenkeln abtupfte, verzog Nastja plötzlich das Gesicht.
„Na was ist, Nastjenka“, sprudelte er so unbefangen wie möglich heraus, „tut das weh?“
Aber weil das Babytuch von den Beinen herunter gerutscht war, sah er es: Das Mädchen war wundrot. Nur für einen kleinen Moment schoss ihm die Frage durch den Kopf, warum das bisher keinem aufgefallen war und ob er jetzt Galja zu rufen hatte. Dann holte er Kamillencreme aus dem Medizinschrank.
„Na, Baby, da können wir was gegen tun. Ich creme dich ein, tut nicht weh.“ Zeige- und Mittelfinger kreisten vorsichtig über der empfindlichen Stelle. „Morgen geht es deiner Muschi schon viel besser.“ Er streifte Nastja das Nachthemd über, trocknete sich selbst fertig ab, vor allem den Schweiß auf der Stirn, zog den Bademantel an und warf Nastjenka über die Schulter. Als er ihren fliegenden Körper in den Kniekehlen abbremste, lachte die Kleine wieder. So verabschiedeten sich die beiden von der Mama.
Michael bekam das abendliche Badeprivileg, das zugleich eine Badepflicht war. Die rote Stelle heilte schnell, aber Michael hatte den Eindruck, dass das Mädchen sich auf seine Behandlung freute. Jedenfalls war sie sichtlich enttäuscht, als er nach einem Blick zwischen ihre Beine seinen Kopf schüttelte und „Nun ist alles wieder gut!“ sagte. Aber dann zuckte er mit den Achseln und murmelte: „Na, dann woll´n wir nicht so sein. Pflegen wir mal das kleine Mädchen.“
Er hatte keine Ahnung, welches seiner Worte Nastja verstand. Immerhin kannte sie jetzt schon Max und spielen und Bad und noch einige andere ungeheuer wichtige Dinge mit deutschen Namen.

Montag, 28. Februar 2011

DREI Nummer 961

Die Gedichte des Tages erinnern morgen wieder an die Texte von vor drei Jahren. Am 1.3.2008 also neben einem eigenen Versuch ein Friedenslesungstext.
Aber morgen gibt es auch Neues:
Beginnen wir dem März mit Sebastian Deya "Wohin Führer lügen".
Da wir ein soziales Land sind, setzen wir fort mit "ein Künstler mehr" (...neue Künstler braucht das Land ...)

Übrigens gibt es auch ein Afghanistan-Video mit dem Liedklassiker ...

Weiter in der Fortsetzungsgeschichte "Eine wunde Stelle" (5):
... Am Abend saß er wieder im selben Sessel und lächelte. Max war nicht wieder zu erkennen. Der Junge zog sich zum Schlafen zurück, als es für Nastja Zeit war. Nachdem sich die Erwachsenen mit Küsschen von der Kleinen verabschiedet hatten, wühlte er ein Märchenbuch aus einer Schrankecke heraus, setzte sich neben das Bett des Mädchens und las in für die Kleine unverständlichem Deutsch das Märchen von der Schönen und dem Biest vor.
Noch nie hatte Michael seinen Sohn so betont lesen hören. Der Junge hatte der Kleinen erst die Illustrationen gezeigt und dann, als sie etwas gefragt hatte, seinen Finger sanft auf ihren Mund gelegt. Unbemerkt waren Michael und Galja in der Tür stehen geblieben. Sie hatten sich angesehen, und zum ersten Mal waren keine Fragen in ihren Augen gewesen, sondern eine gemeinsame Freude.
Nun war es dunkel und still im Kinderzimmer. Michael wartete. Endlich tauchte Galjas Kopf in der Wohnzimmertür auf. „Ready! Now you!“ Über das Danach hatten sie nicht gesprochen und das nicht allein, weil sie sich in einer Fremdsprache unterhielten, die sie beide nicht fluent beherrschten.
Als Michael in den Korridor trat, war Galja schon im Schlafzimmer verschwunden. Er hatte nicht einmal gesehen, was für ein Nachthemd sie trug und ob überhaupt. Michael setzte sich auf die noch warme Toilettenbrille, er putzte schäumend die Zähne, stieg in die Duschkabine, ließ warme Strahlen an jede erreichbare Hautpore, öffnete die Schiebetür wieder, streckte, um sich Mut zu machen, nackt und nass seinem Ebenbild im Spiegel die Zunge heraus und die Arme nach oben. Seine Gedanken schlichen ihm dabei ins Schlafzimmer voraus und wieder zurück. Plötzlich stand er der blinzelnden Nastja gegenüber. Die sagte mit weinerlicher Stimme etwas, was wohl „Ich muss mal pullern“ bedeutete, denn ohne den nackten Mann aus den Augen zu lassen, tappte sie weiter zur Toilette.
Etwas verwirrt begann Michael mit dem Abtrocknen. Seine Wunschtochter sollte natürlich auf keinen Fall in irgendeiner Weise verklemmt heranwachsen. Dazu durfte er sich aber auch nie so benehmen, als gäbe es einen Grund, sich zu schämen oder zu zieren. Selbst, wenn er äußerlich so anders – im Moment so besonders anders – aussah als die Mutti. Nastja schien genügend Tropfen in Reserve zu haben. Sie stützte sich mit beiden Armen auf dem Sitz ab, und außer, dass sie kein Auge von dem Mann ließ, deutete nichts auf ihre Gedanken hin.
Michael hatte sich trocken gerubbelt. Erfahrungen mit fremden kleinen Mädchen fehlten ihm. Aber es konnte sein, dass die Vierjährige nicht ihr fremdes Bett oder erforderliche Lichtschalter fände. So blieb Michael stehen, bis Nastja die Arme durchdrückte und mit den Hüften nach links und rechts schaukelte.
„Na, fertig? Ich bring dich ins Bett!“
Und weil er der Kleinen damit die Möglichkeit raubte, ihn weiter so intensiv zu mustern, nahm er sie auf den Arm. Sie legte sofort ihren Kopf an seine Schulter, und schon auf dem Flur bildete er sich ein, dass sie ruhig wie im Schlaf atmete.

Sonntag, 27. Februar 2011

DREI Nummer 960

Ist das keine gute Werbung: Heute schon die Gedichte des morgigen Tages zu genießen? Also mache ich das hier wieder:
Heute treibt Roger Suffos Blick dem "Sternenhimmel" entgegen.
 
Ich erlaube mir noch eine weitere Würdigung des "Verteidigungsministers", den wir als "Deutsche" verdienst haben ... und eine Antwort auf die, die ihn nit seinem "kleinen Fehltritt" im Amt behalten möchten: "Von Strichelchen". 
 
Bei dem Gedicht von E. Monsing, Das wäre, was ich noch erleben möchte!   finden sich bestimmt Stimmen, die fragen, ist denn dass überhaupt eines. Die kann ich beruhigen: Ja es ist, denn es ist "verdichtet". Muss ich mich daneben für Güte vollstrecken schämen? Ich habe es jedenfalls nicht zu Ende bearbeitet.

Dann folgt die Fortsetzungsgeschichte "Eine wunde Stelle" (4):


So schwer hatte sich Michael das nicht vorgestellt. Einen Moment hingen seine Arme wie halb abgeschraubt herunter. Dann trat er hinter Galja, die ihren Mantel aufknöpfte, nahm ihn ihr ab, öffnete den Flurschrank, hing den Kunstpelz auf den Gästebügel, besann sich im letzten Moment, dass er seine Jacke gleichfalls weghängen wollte, schloss die Schranktür und murmelte: „Yes, it´s the best I show you my flat now. At first ...“
Genau da lag das Problem. Die erste Tür vom Flur führte ausgerechnet ins Schlafzimmer. Michael musste sie öffnen. Galja sah also hinein. Da war noch immer die lange Schrankwand, die er damals für Katrin und sich gekauft hatte. Jetzt hatte er Platz geschaffen, der hoffentlich für Galjas Sachen ausreichen würde. „This is your part of the ...“ Verdammt, wie hieß Kleiderschrank auf Englisch? „... Schrank.“
Natürlich entging ihm Galjas kritischer Blick auf das Bett nicht. Das Doppelbett im Mittelpunkt des Raumes, das er eindeutig für zwei hergerichtet hatte.
„Is this my place at the window?“ Galja hatte geflüstert und dabei weg von ihm zum Fenster gesehen.
„Yes, yes, you can choise. If you want to sleep near the window I sleep at the door.“ Auch Michael sah Galja nicht an dabei. Da sie nicht widersprochen hatte, griff er schnell zu den Koffern.
„They disturb on the floor ...“
„Where Nastja shell sleep?“
Michael legte den Finger auf den Mund und winkte, ihm zu folgen. Das Kinderzimmer lag dem Wohnzimmer schräg gegenüber. Die Tür war nur angelehnt. Max lag bäuchlings ausgestreckt auf dem Bett. Er hielt etwas in den Händen, was von der Tür aus nicht zu erkennen war. Das Mädchen saß daneben, über den unsichtbaren Gegenstand gebeugt – wahrscheinlich der Gameboy, es konnte aber auch ein Buch, ein Spiel oder Maxens Pilot sein – und ohne sie zu sehen, waren sich Michael und Galja sicher, dass Nastjas Augen leuchteten.
Micha zog Galja aus der Tür. „Come on. I´ll show you the bathroom.“ Er hatte die Wände zwei Meter hoch gefliest. Davon und auch von den chromglänzenden Armaturen hoffte er, dass sie die Frau aus der Steppe im Osten beeindrucken würden. Sie ließ sich aber nicht anmerken, woran sie dachte, und er öffnete den Spiegelschrank, um den Platz für ihre Toilettenartikel zu zeigen.
Seine Küche war zwar nicht sonderlich groß, aber zweckmäßig eingerichtet und zumindest für einen Zwei-Mann-Junggesellen-Haushalt komfortabel ausgestattet. Als Michael schließlich seinem Gast im Wohnzimmersessel gegenüber saß, war er froh, den ersten Wortwechsel überstanden zu haben.

Samstag, 26. Februar 2011

DREI Nummer 959

Petra Namyslo führt es vor: Manchmal muss ein Poet auch ganz schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren können - und was ist wichtiger, als vor einem denkbaren Krieg zu warnen? Also hier die Gedichte des Tages von morgen:
Als erstes erinnert Brunhild Hauschild mit "Seidengarn" daran, dass hier Wolkengedichte gesammelt werden wollten - und jeder an den vorliegenden Beanstandenswertes suchen und finden kann.
Dann kommt ein Gedicht, dass man mit +++ wie bei einem Nachtichtenticker eröffnen sollte +++ Es heißt +++Evakuierung tut not +++ist geschrieben von Petra Namyslo+++ und wir sollten hoffen, dass wir es bald Schreckschweiß abwischend in die Tonne werfen dürfen:+++ Noch einmal gut gegangen+++
 
Denn ich wäre lieber wie David Damm zur ersten Friedenslesung durch den, Park des Sieges gegangen - mit dem friedlichen Eindruck von Kindern wie er. Mein Gedicht am 27.2.2008 sollte ich wieder aufnehmen, auch wenn es, nein gerade weil es nicht immer wieder
heißt

Zum Schluss die Fortsetzungsgeschichte "Eine wunde Stelle"(3):

Die beiden Männer, der lange junge und der kleinere ältere, hatten sich zusammen am äußersten Ende der Abfertigung postiert. Alle Passagiere mussten an ihnen vorbei, nachdem sie ihre Koffer vom Laufband genommen hatten. Michael rieb sich die Hände warm, obwohl ihm nicht kalt war. In seinem Gesichtsfeld tauchten Koffer, Wintermäntel, Stiefel und Menschen auf und entschwanden wieder. Niemand hatte den erwarteten Gästen ähnlich gesehen.
Max war wieder vom Geländer herunter gesprungen. Hatte mit den Achseln
gezuckt. Da endlich bemerkte er sie. Das kleine Mädchen in Kopftuch und Mantel dadurch, dass es sich so verängstigt an der Manteltasche der Mutter festkrallte, und die Frau durch die zwei großen Koffer, die neben ihren Armen darauf warteten, wieder angehoben zu werden.
Spring über deinen Schatten, hörte Michael seine innere Stimme rufen. Er hob die Arme, lief los, stockte unvermittelt, weil ihm einfiel, dass es vielleicht trotz allem noch eine Verwechslung sein konnte, und fragte zwei Meter vor dem weiblichen Paar laut bei wenigstens halb vorgestreckter rechter Hand. „Galja?“ Und weil die Frau erleichtert lächelte: „Dobro poshalowatj v Berlinje!“ Auf die verwirrten Blicke hin brüllte er beinahe hinterher: „Net, net, ja nitschewo ne gowarju po russki!“
Das Lachen war nur kurz. Michael erinnerte sich nicht mehr, was er hatte sagen wollen, obwohl er sich doch eine ordentliche Begrüßung zurechtgelegt hatte. So griff er nach dem Mädchen, hob es hoch – „Du bist also Nastjenka!“ – und weil das Mädchen ihn nur verwundert betrachtete, zog er es einfach an sich heran und gab ihm den Kuss, den er sich für die Mutter vorgenommen hatte.
Das Mädchen, noch immer mit einem verschüchterten Blick auf den Fremden, sagte leise etwas für Michael Unverständliches. Plötzlich fing Galja schallend zu lachen an. Ohne die drei verwegenen Lachtränen zu beachten, stürzte sie auf Michael zu und umarmte ihn mit einer Wucht, wie sie nur Soldaten kennen, die wider Erwarten doch noch aus dem Krieg heimgekehrt sind.
„It´s good, it´s so good!“
„Was hat sie denn ... oh, sorry, what did she say?“
Doch Galja schüttelte nur ihren noch immer an Michaels Wange gepressten Kopf. „A joke. Later ...“
„Könn´n wir jetzt endlich geh´n?“ Max hatte die beiden Koffergriffe gepackt und versucht, sich mit einer männlich coolen Bewegung aufzurichten. Die Koffer erwiesen sich als zu schwer für Lässigkeit. So hatte er den Rücken wieder gebeugt, es letztlich aber doch nicht ausgehalten, völlig sinnlos herumzustehen.
In der S-Bahn nach Ahrensfelde musterte Michael Galja fast aufdringlich. Sie hatte etwas von einem Mädchen. Zu Zeiten der Sowjetunion war sie in einem Forschungsinstitut beschäftigt gewesen. Dann hatte Galjas blaugrüne Augen dort keiner gebraucht außer dem Abteilungsleiter, der nicht Vater hatte werden wollen. Eine vaterlose Nastja war zurück geblieben.
Wenn Galja zu Michael hochsah, fixierte der einen hinter dem Fenster entschwindenden Punkt. Galja konnte sich wenigstens an ihrer Tochter festhalten. Musste er nicht etwas Nettes zu ihr sagen? Wie aber würden die anderen Fahrgäste auf seine Englischbrocken reagieren? Galja hatte ja geschrieben, dass sie nicht fluent englisch spreche. Max hatte es da leichter. Er lehnte an der Stange hinter den Sitzen und drückte auf seinem Gameboy herum, egal, ob das für einen Sechzehnjährigen in war. Nastja sprang plötzlich vom Schoß der Mutter, um die Bewegungen des Heldenmonsters im dritten Level verfolgen zu können. Welche Ehre: Nach dem nächsten Halt durfte sie sogar selbst drücken.
Galja sah zu Max und Nastja hinüber, dann zu Michael und lächelte, Michael sah zu Nastja und Max, spürte dann Galjas Blick, erwiderte ihn, lächelte auch. Der Platz neben Galja wurde frei. Michael blieb ihr gegenüber sitzen. Er hörte sie sagen: „Children don´t take it so hard.“ und sich selbst „Ja, die nehmen es nicht so schwer“. Er nickte dabei. Schließlich standen die beiden Koffer im Korridor, und Max brüllte: „Ich zeig Nastja das Kinderzimmer!“

Freitag, 25. Februar 2011

DREI Nummer 958

Zuerst die beiden neuen Gedichte aus den "Gedichten des Tages" von morgen:
Meinen Gruß an Petra Namyslo für ihr Ruby Rubacuori Gunda Jaron ist der Meinung, " H wie Hass, W wie Wut, Z wie Zorn" sollte einem Lyrikus bekannt vorkommen.

Von "Eine wunde Stelle" nun Teil 2:

„Our relation only can have a future when we go to meet soon and than realize that we have been done one for the other.“
Michael hatte spontan begeistert auf diesen Satz in seiner nächsten Mail „Yes, let´s do!“ geantwortet. Er hatte Galja angeboten, gemeinsam Ostern zu feiern. Ein paar Tage davor und ein paar danach könne sie bleiben. Da erhielt er die Kündigung. Per 30. April. Was hätte er tun sollen? Alles zurückblasen? Ins ferne Kasachstan schreiben, dass er nun nicht mehr als Beschützer tauge? Er nun die paar Euros für die Fahrkarten eigentlich selbst brauche? Er klammerte sich an vage Hoffnungen. Vielleicht käme alles ganz anders. Je näher die große Visite kam, umso inniger bekundeten Michael und Galja ihre Gefühle für einander, soweit dies ihre Sprachkenntnisse zuließen.
„... and I hope we´ll not be disappointed of each other than ...“
Michael renovierte seine Wohnung.
... „Weiß ich noch nicht, Maxi. Zumindest die paar Tage ziehen sie mit bei uns ein. Dann soll doch alles schön sein. Und wenn wir uns später eine neue, größere Wohnung nehmen, dann müssen wir die alte sowieso ordentlich übergeben.“
Michael nahm sich vor, dem Sohn bald von seiner Arbeitslosigkeit zu erzählen. Wenn die beiden Mädchen wieder zurück wären. Wenn alle Bewerbungen erfolglos geblieben sein sollten. Und überhaupt. Es war ja noch Zeit bis Ende April.

Donnerstag, 24. Februar 2011

DREI Nummer 957

Man weiß eines: Man lebt in einer Welt, in der es in letzter Instanz immer um Geld verdienen geht. Wo etwas Anderes behauptet wird oder ein entsprechender Anschein erweckt wird, sollte man skeptisch auf den lauernden Haken gefasst sein.
Insofern bin ich bei EPIDU.de wirklich gespannt. Sie haben dort sogar eine Geschichte von mir abgelehnt, weil sie nicht ins Verlagskonzept passe. Also veröffentliche ich sie als aufgeteilten Text am Schluss der DREI-Nummern von heute bis ... .
Zuvor aber die "Gedichte des Tages" von morgen. Da ist nicht zu übersehen, dass der dritte Friedenslesungswettbewerb angelaufen ist:
Petra Namyslo kommt diesmal spielerisch und italienisch: "Bunga Bunga!"
"Tweet 20" von Sebastian Deya sollte jeden Lyriker daran erinnern, dass der dritte internationale Friedenslesungswettbewerb gestartet ist. Toi-toi-toi allen, die sich beteiligen wollen. 
. .
Eine Zusendung aus Finnland warf die Frage auf, wie man mit Kalauern im Zusammenhang mit Kriegstoten umgehen soll: M. Schröder, Der Feind ist im Anzug
Ich hielt am 25.2.2008 hoch Philosophisches dagegen: mensch
 
Vielen Dank, lieber Basti, dafür, dass du mir einen Link zu einem Anti-Kriegs-Lied geschickt hast. Ich finde allerdings, seine deutsche Version ist MINDESTENS so eindrucksvoll und klar:
 
http://www.youtube.com/watch?v=sYnxLSwQSeI&feature=list_related&playnext=1&list=MLGxdCwVVULXd0ooP0O8r_UIAsThRZq9_j
 
Eine weitere Version ist die Aufzeichnung des größten Konzerts, das ich je besucht habe. Leider müsste nun auch ein Obama-Bild eingefügt werden:
http://www.youtube.com/watch?v=6sSJDKju1Zw&feature=related

Eine wunde Stelle (1)
Galja wirkte auf ihrem Foto vergleichsweise bescheiden. Sie trug ein gepunktetes Matrosenkleid mit Kragenaufschlägen und es sah aus, als hätte sie sich die Haare selbst geschnitten. Zwischen den vielen aufgepeppten Heiratskandidatinnen aus dem russischsprachigen Raum wirkte ihr verkrampftes Lächeln besonders verloren. Darüber hinaus verriet sie schon im Vorstellungstext, dass sie mit einer vierjährigen Tochter zusammen lebe. An ihre erste persönliche Mail hängte Galja Nastjas Foto. Das Mädchen stand darauf verängstigt in einer Zimmerecke. Äußerlich war es ganz die Miniaturausgabe der Mutter und für die Aufnahme mit einem Schwanenseekostüm auf niedlich getrimmt.
Michael schrieb, er wohne mit seinem sechzehnjährigen Sohn Max in einer geräumigen Dreiraumwohnung. Musste das diese Galja nicht beeindrucken? Er nannte sich Manager. Das hörte sich einfach besser an als Sachbearbeiter. Ein Mann muss schließlich einen ordentlichen Beruf vorweisen, wenn er auf eine Kontaktanzeige schrieb. Besonders bei einer Kasachin, deren Wohlstandstraum er verkörpern wollte. Verlangte es die nicht vor allem nach einem: materieller Sicherheit? Früher einmal hatte er Ansehen genossen, ja, zu DDR-Zeiten … Sollte er Galja erklären ... nein, einen englischen Begriff für „Abwicklung" fand er nicht.
Sobald Micha ins Web ging, blinkte von nun an immer etwas in seinem Postfach, und er bastelte mühsam eine englische Antwort zusammen. Nur eine Gnade gewährte ihm Galja: Meist schmückten Fotos ihre Mails: sie vor Postkarten-Hintergründen, selten ohne, fast immer mit Nastjenka. „... Kasachstan ist ein islamisches Land ... nicht demokratisch ... habe Angst, mit meiner Tochter allein ... möchte schnell weg ... habe keine Zukunft, Nastjenka erst recht nicht ..." verstand er in den Texten.
Galja hatte es geschafft. Das Schicksal des Kindes rührte ihn fast so an wie die Aussicht auf eine eigene Familie. So schrieb er – sich für sein gebrochenes Schulenglisch entschuldigend – dass Galja genau den richtigen Zeitpunkt gewählt habe, Nastja nach Deutschland zu bringen. Er würde sich sehr um das Kind bemühen, damit es bis zum Schulanfang ordentlich deutsch spräche. Er würde sie beide unterrichten.

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