Freitag, 7. September 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1507

Worin liegt die Qualität einer Gemeinschaft? Die Frage wurde mit den ersten Lorm-Gedichten angerissen, lyrisch in den Raum gestellt. Sie bleibt präsent:


Vielleicht klingt es absurd: "Blinder Passagier" von Thomas Reich ist ein Gedicht, dem ich widersprechen möchte. Aber ... wahrscheinlich liegt darin seine Stärke: Mitunter ist es besser, den Widerspruch herauszukitzeln, als zu erreichen, dass der Leser nicht, ja, so ist es ... und weitermacht wie bisher ...
Ich mache derweil mit "Lormen (4)" weiter ... in der Hoffnung, dass inzwischen im Gedächtnis ist, worum es geht. Sind wir in der Lage, uns in einen Anderen hineinzufühlen?

Auch beim SF-Fortsetzungsromanprojekt geht es letztlich genau darum. Was macht Macht aus einem Menschen? Bleiben seine ursprünglichen Werte davon unberührt?



Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (167)





... Was wäre geschehen, wenn sie eine normale Siedlung gewesen wären? Die Bauern mit den verbliebenen Feldstücken hätten die Geschädigten vielleicht vorm Verhungern gerettet. Aber die entstandenen Schulden hätten alle folgenden Generationen belastet. Deren Kindern hätten arbeiten müssen, wenn sie eigentlich etwas Neues hätten erlernen sollen. Der Schaden dieses Zufalls hätte noch Hunderte Jahre später ihre Nachkommen in Arme und Reiche, Erfolgreiche und Sich-Mühende geschieden. Wäre denn das richtig? Wäre es nicht besser, wenn die ganze Gemeinschaft die Aufgabe für die Betroffenen mit schulterte?
Und wenn einer nicht so gut arbeitete, sondern lieber Lieder sänge?
Oh, sagte ich, macht für uns das Arbeiten nicht mehr Spaß, wenn der eine für uns singt? Nutzt er uns allen damit nicht mehr, als wenn er lustlos und schwach auf seinem Beet ackert? … So hätten sie das nicht gesehen …

Das Saatgut war im Verhältnis zu seiner irdischen Matrix leicht abgewandelt. Die Keimung wurde nicht mehr durch Veränderung im Magnetfeld der Erde beeinflusst. Das hatte den positiven Nebeneffekt, dass die längeren warmen Jahreszeiten zwei Ernten zuließen – diesmal also eine zeitlich sehr versetzte. Wir fingen auf dem Brachland von vorn an. Nur manchmal störte die extreme Mittagshitze.
Die Kutisi hinterließen übrigens etwas, woran ich zuerst nicht gedacht hatte: Die Vorräte und erhofften Ernten ganzer Siedlungen oder einzelner Mitglieder der Bauerngemeinden waren zerstört worden und so entstanden marodierende Räuberbanden. Um nicht die Bürger meines eigenen Ländchens bekämpfen zu müssen, ließ ich frisches Saatgut verteilen mit dem Hinweis, dass dies noch rechtzeitig vor dem Winter geerntet werden würde. Der Erfolg war nicht ganz durchschlagend. Zumindest bei einem Teil der Entwurzelten hatte sich das Rauben schon verselbstständigt. Es war effektiver als das ununterbrochene Arbeiten auf den Feldern. Letztlich musste ich doch hart durchgreifen. Ein Trupp Robbis mit Hunden machte erfolgreich Jagd auf die Banden … und bald existierte eine Strafkolonie. Ich ließ sie durch Robbis betreiben, hoffte darauf, sie möglichst schnell wieder auflösen zu können. Im Moment zumindest fehlten noch mehr Männer für eine normale Bevölkerungsentwicklung. Und offen gesagt: Ein Jahr nach diesen Ereignissen erwartete ich die auch nicht mehr. Ich ging davon aus, dass allein die Kinder, die ich inzwischen völlig ihren früheren Familien entwöhnt hatte, die Grundlage für die Gemeinschaft der Zukunft würden. Die Erfolge des übernächsten Jahres bestärkten mich in dieser Hoffnung. Der dann folgende Sommer brachte aber den nächsten Knick. Bei meinem Double in Chrust häuften sich die Nachrichten von Göttern, die mit dem Hochzeitsschiff aus dem unendlichen Wasser aufgetaucht waren und sich mit täglich wachsendem Gefolge auf Chrust zu bewegten. Anfangs nahm ich die Sache nicht sonderlich ernst. Hochzeitsschiff klang sehr nach einer der fantasievollen Legenden, die die Saks mit bewundernswerten Ausschmückungen von Generation zu Generation weitergaben. Hätte ich die Hoffnung gehabt, einmal zur Erde zurückzukommen, ich hätte sie begeistert gesammelt, um sie dort erzählen zu können. ...



Donnerstag, 6. September 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1506

Hat man mit über 50 noch ... Also ich erinnere mich noch daran, dass "Mit Blindenhund durchs Liebesland" mit der Intension zusammengetragen wurde, den männlichen Blick auf die Liebe im fortgeschritteneren Alter zu zeichnen. Bei den "Gedichten des Tages" versucht es Gunda Jaron mit dem weiblichen:


Wer hat nicht schon irgendwo das berühmte Kribbeln im Bauch for dem ersten Mal, der ersten Begegnung beschrieben gelesen? Entschieden seltener findet man das bedichtet, wenn das lyrische (weibliche) Ich auf "mehr als 50 Jahreszeugen ... jedenfalls" zurückblickt. In einer Welt von Jugend- und Schönheitswahn muss Gunda Jarons LI zugerufen werden: Ja, schön ... selbstverständlich! "Und sie ist ... so wie sie ist" ... was dann wohl mehr als das Äußere meint ...
Da passt mein "Lormen (3)" nur auf sehr verschlungenem um-die-Ecke-gedacht-Weg dazu. Aber ... ist es denn Voraussetzung, einen anderen sanft zu berühren, dass der jung und makellos ist?!


Freds Blick, mit dem Buch 1 des SF-Romanprojekt erzählt wird, ist ein dauerhaft männlicher:


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (166)


... Glücklicherweise hatten einige der Erwachsenen, aber auch ein paar der großen Kinder früher einmal einen solchen Schwarm wenigstens schon von weitem gesehen. Ich hatte sogar selbst Erzählungen darüber gehört, aber offen gesagt für eine der Saks-Legenden gehalten. Der panische Schrecken, mit dem die Ersten alles stehen und liegen ließen, als sie die Wolke in vielen hundert Metern Entfernung erkannten, war aber ansteckend.
Zum Glück versuchte ich nicht, die Flucht zu bremsen. So brachten wir uns alle in Sicherheit. Vom Weg auf der Stadtmauer aus verfolgten wir mit Entsetzen, wie die Wolke unsere Felder erreichte. Die Tiere bewegten sich so dicht beieinander, dass wir keine einzelnen erkennen konnten. Ich wagte es nicht, mich von meinen Kindern in den Monitorraum zu entfernen … und ich hielt es auch nicht für erforderlich. Wir litten und trauerten als große Gemeinschaft aneinander gedrängt. Wofür wir so viel Mühe aufgewandt hatten, es war in Minuten vernichtet.
Schließlich näherte sich die Wolke der Stadt. Was dann geschah, kann man schlecht jemandem erzählen, der so etwas noch nicht gesehen hat. Zwar prallte die Masse der Kutisi gegen die Mauer und drehte ab. Ein Teil von ihnen aber erwischte eine höhere Flugbahn hinein in die Stadt. Die Tiere bildeten augenblicklich einen eigenen kleinen Schwarm. Es begann ein fürchterliches Gemetzel. Erst am Abend hatten wir uns endlich durchgesetzt. Mehrere Kinder wurden verletzt, einige Pflanzen erkannte man nicht mehr wieder … aber insgesamt ging alles glimpflich ab. Die Zahl der Kutisi in der Stadt war klein genug geblieben, um sie einfach zu erschlagen. Dort, wo sie den Saks-Kindern nahe kamen, entbrannten allerdings harte Kämpfe. Sie schienen lebende Beute zu riechen, denn wie magnetisch angezogen ballten sich die Angreifer, bissen sich in ihrer Beute fest, fielen mit abgebissenen Happen zu Boden. Da waren jene Kinder gut dran, die sich aus Spezialstoffen der Erde replizierte Sachen übergestreift hatten. Alle Naturstoffe zerrissen die Fressmonster.
Bis zum nächsten Morgen gab es genug zu tun. Wunden versorgen, Kinder neu einkleiden. Endlich auch etwas schlafen.
Dann kam der nächste Tag. Im Wesentlichen waren alle Kutisi weiter gezogen. Sie waren verschwunden wie ein gut erzählter Spuk in der Nacht. Nur hatten sie einen Streifen von etwa der halben Breite unserer Anbaufläche hinterlassen. Der war absolut nackt. Nicht die kleinste Andeutung eines Korns oder gar eines Pflänzchens war zurückgeblieben. Was wäre das ohne Replikatoren für eine Katastrophe gewesen! Schon so musste ich die Trauer der vielen Kinder mit allerlei Kunststückchen mindern. Immerhin war das die Basis für eine wichtige Lektion.
Ich erklärte den Kindern Offensichtliches: Die Kinder, die ihre Beete und Feldstückchen gerade dort gehabt hatten, wo jetzt rein gar nichts mehr war, konnten absolut nichts für diesen Zufall. Musste man ihnen nicht helfen? Es hätte so leicht anders kommen können. Man war erst ein würdiges Wesen, wenn man sein eigenes Überleben nicht auf dem Tod der Betroffenen gründete. ...



Mittwoch, 5. September 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1505

Die Gedichte des Tages morgen im Zeichen einer "Randgruppe":


Die Qualität einer Gemeinschaft ist an ihrer Art zu erkennen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Immer steht zuerst die Frage, den Anderen, den weniger stark Angepassten, anzunehmen, Solidarität zu zeigen, gemeinsame Wege zu finden, jedem Menschen ein selbstbestimmtes würdiges Leben zu ermöglichen.
Die hier erstmal vorgestellten Gedichte sollen nicht ein Krankheitsbild zeigen oder medizinisch sein.
In Deutschland gibt es viele Zehntausende Taubblinde. Als eigenes Behinderungsbild werden sie nicht erfasst, juristisch gibt es eine solche Behinderung nicht.


SF-Romane bedienen ja auch irgendwie "Randgruppen":


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (165)





... Zumindest für die Kinder stand eine Premiere bevor: Diesmal konnten sie erstmals die Ergebnisse ihrer Vorjahresarbeit in den Boden einbringen. Sie übergaben sich dazu gegenseitig ihre Beete und Ernten. So wollte ich verhindern, dass sich durch Zufälle Superbauernkinder entwickelten, die dann Macht über andere gewonnen hätten. Ich hoffte im Gegenteil, dass ein Gefühl für eine größere Gemeinschaft reifen könnte. Die unmittelbare Verantwortung wäre zwar auf neue Beete gerichtet, aber zumindest Neugierde auf das, was auf den vorigen entstände und wie sich das eigene Saatgut entwickelte, würde bleiben. Was immer geerntet würde, es könnte als Erfolg einer Gemeinschaft erlebt werden.
An den ersten Tagen kamen wir gut voran. Am liebsten wären die Kinder nachts noch auf den Feldern geblieben, obwohl ich ihnen erklärt hatte, dass die Kamuvögel da garantiert keine Körner wegfräßen.
Aber dann …
Wäre ich doch nur wirklich ein Gott gewesen! Dann hätte ich den Winden einen anderen Weg befohlen. Aber ausgerechnet an jenen Tagen, an denen die Keime die Körner verließen, drehte der Wind und eine trockene Kälte machte sich breit. Temperaturen unter minus 20 Grad zu einer Zeit, wo eher 20 Plusgrade wahrscheinlich waren. Wenn es wenigstens geschneit hätte! Ein Frostspaziergang verriet: Nach zwei Nächten war der Boden steinhart. Ich musste davon ausgehen, dass alles, was schon ein wenig an Pflanze erinnerte, erfroren war.
Später erfuhr ich, dass fast alle intakten Siedlungen in ihren Höhlen geblieben waren. Die Alten hatten das befohlen. Unter ihnen gab es so etwas wie verstärkte Wetterfühligkeit. Eine umfangreiche, über das ganze Land reichende Wetterbeobachtung hätte den Fehler auch verhindert, aber sie existierte eben nicht.
In diesen Wochen ging ein Großteil unserer selbst geschaffenen Vorräte verloren. Nicht bei allen gelang es mir, sie heimlich durch frisch repliziertes Saat- und Pflanzgut zu ersetzen.
Als wir dann endlich – sechs Wochen später als vorgesehen – unsere weithin sichtbar frisch begrünten Felder und Beete bewundern konnten, geschah das nächste Unglück. Kutisi! Mir schien der Name Wanderschrecken einleuchtend. Es waren seltsame Wesen. In der Biologie meiner Erde hätten sie wohl keinen Platz gehabt. Sie bestanden aus einem unverhältnismäßig großen Kopf mit einem Geweih darauf, einem Käferleib, sechs Beinchen und angedeuteten Flügeln. Diese Flügelchen reichten für eigene Flüge kaum aus und die einzelnen handtellergroßen Tierchen wären bedauernswert und niedlich gewesen. Aber die Kutisi traten in großen Schwärmen auf. Am meisten half ihnen der Wind bei der Fortbewegung über weite Strecken. Sie waren Allesfresser und vermehrten sich in einer jeder Fressorgie folgenden Starrezeit. ...

Dienstag, 4. September 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1504

Wieder normal: Zuerst die Gedichte des Tages" von morgen und dann eine nächste Fortsetzung des utopischen Romanprojekts:


Heute werden zwei Gedichte zusammengesperrt, die wohl äußere Pole bezeichnen, nicht zusammenpassen. Das betrifft den Inhalt - der eine ein ernsthafter Gedanke zur Einstellung zur Friedenstat, bei der CITA-Lesung am 1.9.2012 besonders beklatscht, der andere wohl eine nicht auf Tiefsinn ausgerichtete Mori-Untat - als auch die Form - paarig gereimt und frei - als auch die Länge - zwischen kürzer ist schwer und viiiel Text. Aber genau darum geht es ja hier. Also im Angebot:




Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (164)




Offener Streit war bei den Kindern auch zu früherer Zeit schon seltener als für mich gewohnt. Wenn sie sich zankten, gab es dafür nur einen wichtigen Grund: Die Eifersüchteleien um besonders beliebte Erwachsene. Ansonsten ließe sich dieser Winter leicht zusammenfassen: Liebe und Lernen oder Lernen und Liebe. Jeweils in verschiedenen Formen, aber überwiegend so harmonisch, dass ich mir am Ziel aller Wünsche vorkam und dachte, so könnte es ewig weitergehen. Bei meinen regelmäßigen Schaltungen zum Chruster Double kam ich mir vor wie in einem wunderschönen Albtraum: Albtraum wegen der Ränkespiele, aus denen ich mein Ich herauswinden musste, wunderschön, weil ich in jeder Sekunde dieses Traums fühlte, dass das nicht nur weit weg war, sondern sich nach Belieben abschalten ließ.
Als der Frühling sich näherte, teilte ich zum ersten Mal die Empfindungen meiner Saks: Eine begierige Erwartung, dass es bald losginge, endlich raus aus der Höhle, endlich wieder all die tollen Dinge tun, an die noch unterschiedlich vage Erinnerungen in einem schlummerten, aber überall nur angenehme …
Der Winter war in jeder Hinsicht so unspektakulär verlaufen wie die Ernte davor bei allen ungewöhnlich reich ausgefallen war. So sah ich keine Veranlassung für eine spontane Rettungsaktion irgendwelcher Höhlenbewohner wie zwei Jahre zuvor. Und ich hatte inzwischen selbst die größte Familie, die ich je gehabt hatte. Verantwortung für 4000 Kinder und junge Erwachsene und jene wenigen Älteren, die diesmal in den Stadthäusern Winterzuflucht gefunden hatten. Letztere wollten in der Nähe ihre Siedlungen bauen und dabei an den Mysterien teilhaben, die ich den Kindern vermittelte. Sie wollten diesmal sogar selbst festere Häuser draußen bauen und … und … und …
Es war schon viele Jahre her, dass ich mit solchem Überschwang an eine Sache herangegangen war. Vielleicht hatte ich mich auch noch nicht an dieses etwas längere Jahr gewöhnt. Manchmal können einem die vier Jahreszeiten sehr lang vorkommen, wenn sie aus je vier Monaten von vier mal acht Tagen anstatt aus drei Monaten von etwa 30 Tagen bestehen.
Wir veranstalteten ein großes Fest, das alles überbot, was die Saks-Kinder aus ihrer Tradition her kannten. Ganz planmäßig nach diesem Tag des Warmen Lichts rückten wir aus. Tausende kleine Saks, ausgerüstet mit Saatgut, stürmten aus dem Stadttor. Welch Begeisterung: Der Boden war schon aufgelockert. Es waren nur noch wenige Furchen zu ziehen. Die Kinder hatten Karten bei sich, auf denen die Flecken eingezeichnet waren, für die sie in dieser Saison verantwortlich sein sollten. Es waren andere als im letzten Jahr und die wilde Wissenschaft eigentlich nicht nötig, aber ein Spiel, an dem sich die Kinder mit Begeisterung beteiligten.

Montag, 3. September 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1503


Die 17. „Cita de la Poesia“ ist Vergangenheit, die achtzehnte, 40 Jahre nach dem faschistischen Militärputsch in Chile will vorbereitet sein. „Dichterbegegnung“ in Berlin als Stadt des Friedens – was heißt das?
Erst einmal: Wir nehmen einander an, fragen, wie wir zu einer gemeinsamen Sprache kommen, wie wir die Erfahrungen unterschiedlicher Kulturen für unser aktives Leben nutzbar machen können. Denn darüber gibt es keinen Zweifel: Sowohl die Dichtung als auch die Wirkung von Dichtung ist in Lateinamerika und Spanien eine andere als im beherrschteren Deutschland. Welcher Dichter erwartete schon bei uns, Gedichte in einem vollen Stadion vortragen zu können und Tausende hören ihm teils andächtig, teils begeistert zu? Wie erklärt man Menschen aus Regionen, in denen Dichtung verschlungen wird wie eine Sonntagmittagsmahlzeit, warum die Begegnung der dichtenden Welt in keiner deutschen Zeitung eine Seite-1-Thema ist, ja, nicht einmal Feuilletons füllt? Allerdings sind die Inhalte auch anders gestaltet: In Deutschland scheint der Typ Poet gesiegt zu haben, zu dessen Würde es gehört, dass ihn nur ein elitärer Kreis Auserwählter versteht. Wehe dem Kollegen, der sich mit seinen Wortwerken verständlich politisch bekennt! Das Ziel der Dichter, die uns besuchten in all den Jahren schien immer zu sein, verstanden zu werden – auch, nein, gerade von denen, die kaum ein Gedicht selbst lesen können. Also gibt es auch weder Scheu vor großen Themen noch vor großen Worten. Pachamama, die Mutter Erde, ist allgegenwärtig. Es ist doch das wichtigste Ziel eines Poeten, was hier als Ehrentitel gilt, aufzurütteln, dass die Kinder eben dieser Erde auch in 500 Jahren in Frieden und Dankbarkeit für ihr geschenkte, geborgte Leben miteinander glücklich sind. Es ist doch zu wichtig, zu sagen, dass man das will, und zu fragen, was man tun soll, damit die mit Worten erträumte Welt eine reale Welt werden kann.
Eine andere Kultur … spontaner, preußischer Planungssicherheit entzogener Menschen.
Ja, die Cita hatte einen Plan, um den lange gerungen wurde. Aber in den vier Cita-Tagen fand keine Veranstaltung genau nach Plan statt. Man muss doch zusammen essen, sich vorstellen, nachklingen oder vorklingen lassen, dass Worte wirken können! Wenn es am Vorabend heißt, morgen wird es früh regnen, dann freut man sich, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof die Gräber von Brecht, Seghers und Erich Arendt, dem Spanienkämpfer und Neruda-Nachdichter besuchen zu können. Wenn es am Morgen dann wirklich regnet, dann trifft man sich lieber später zur Textarbeit … nur dass dann das Wetter einer Teilgruppe doch eine kleine Führung erlaubt … Natürlich kann ein Besuch im KZ Sachsenhausen nicht nach Stoppuhr abgehakt werden, dass man rechtzeitig zur nächsten Textarbeit in der Humboldt-Uni ankommen könnte. Was ist wichtiger: der tiefe emotionale Eindruck oder dass die „nächste Stunde beginnt“?
Wirklich nicht im Plan aufgenommen konnte das Kunsthaus „Tacheles“. Dass wieder einmal und nun vielleicht wirklich endgültig ein Alternatives Kunstprojekt von internationalem Rang im Zentrum Berlins dem Profitinteresse eines an der hervorragenden Lage interessierten Investors zu weichen habe, erweckt bei unseren spanisch sprechenden Freunden sofort die klare Aussage, da müssen wir uns solidarisch zeigen. Und zwar handfest praktisch. Die Veranstaltungsorte sind „fußläufig“ nahe gelegen. Also steht nur die Frage, ob man uns denn praktisch (!) hören wird und schon zieht unsere gemischte Gruppe mit einem kleinen Programm von Liedern und spanisch-deutschen Gedichten in Richtung „Tacheles“-Bühne. Die Versammelten dort hat es gefreut, die Entscheidung fürs Geld dürfte es kaum verändert haben, aber die preußisch-deutsche Polizei zeigte sofort ihr Entsetzen: Dass Gedichte, noch dazu spanische auf der Kundgebung vorgetragen würden, war nicht angemeldet worden! Was haben die hier zu suchen? Arme deutsche Staatsgewalt, die nur entscheidet, ob sie unterdrückt, was sie nicht versteht oder als Widerstand verstanden hat …
Lesungen fanden natürlich auch statt – in der Humboldt-Uni und in einem Begegnungszentrum für „ausländische Mitbürger“. Mit viel Herzblut wurde darum gerungen, dass die, die Sprache des Anderen nicht beherrschten, sowohl den Wohlklang der fremden Worte wahrnahmen als auch die Poesie der lyrischen in die eigene Sprache übertragenen Bilder. Die Bildkraft der fremden Sprache in die eigene zu übernehmen war der Kern der gemeinsamen „Textarbeit“.
Wir merkten, wie würden nie fertig. Aber unsere Spanisch sprechenden neuen Freunde wünschten
sich, im nächsten Jahr wieder zu uns kommen zu dürfen und zwischendurch seien auch wir eingeladen. Vielleicht wird es im spanischen Sprachraum auch eine gemeinsame Anthologie mit Werken der Cita in Berlin geben. Aber für Deutschland ist das nicht wichtig … nur Poeten eben ...
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Diesmal sollten die beiden Texte, die unter dem Hut "Gedichte des Tages" vereintpräsentiert werden, Gemeinsamkeiten aufweisen. Ich hoffe, in gewissem, weiten Sinn könnte mir das gelungen sein:
Thomas Reich "Mimikry"
Slov ant Gali "Salzwunden"

Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (163)



So dachte ich. Aber die Ereignisse belehrten mich eines Besseren. Das Ende der Ernte brachte den Anfang der Auseinandersetzungen. Es begann harmlos. Erste Kinder kamen vom Besuch ihrer Siedlung nicht zurück. Weißt du, bei insgesamt 4000 Kindern dauerte es eine Weile, bis ich das mitbekam. Außerdem gab es ja keine Verpflichtungen, wer bis wann hätte zurück sein müssen.
Doch dann häufte sich das. Und die Auflösung des Rätsels ließ nicht lange auf sich warten. Eines Morgens standen zwei der vermissten Jungen vorm Stadttor und erzählten, dass man sie regelrecht entführt hätte. Das heißt, als sie in ihrer Siedlung aufgetaucht waren, hatte dort sofort der Aufbruch begonnen. Man habe sich auf den Weg zur angestammten Höhle gemacht. Obwohl die Jungen nicht gewollt hätten, hätte man sie mitgenommen.
Ich löste das Problem einfach und radikal. Ich ordnete nämlich an, dass Besuche von nun an nur in der Stadt möglich seien. Die Legenden um die Beobachtungsleistung des Tores tat das ihre. Niemand traute sich eine gewaltsame Entführung oder einen Trick, der dem gleich gekommen wäre. Zumindest habe ich von keinem erfahren, und so wie ich die Saks kannte, hätte sich ein Erfolg schnell herumgesprochen und eine Lawine der Nachahmer provoziert. Die Möglichkeiten zum Mitnehmen der Kinder waren auf nahe Null geschrumpft und die meisten wollten ja auch nicht weg. Dafür geschah das nächste für mich Ärgerliche: Der Ansturm auf die Winterunterkünfte blieb aus. Nach dem ersten Frost waren gerade einmal 240 Erwachsene, meist junge Mütter, drei ganze Siedlungen, in die Stadt gekommen. Es zeichnete sich ab, dass ich in diesem Winter einer Stadt der Kinder vorstehen würde.
Zu meinen Gunsten wirkte dabei nur, dass zwischen den Kindern neue Familienbeziehungen entstanden waren. Dabei schlugen die ursprünglichen Saks-Traditionen durch. Die Siedlungen waren in irgendeiner Weise keine Beziehungen, die auf die Blutsverwandtschaft zum biologischen Vater und der Mutter zurückgingen, wie ich dies von der Erdgeschichte her kannte. Nein, die Siedlungen bildeten offenbar durch Sympathie und Harmonie ihrer Bewohner verbundene Haus-Gemeinschaften. Da hatte ich anfangs schlicht mir Gewohntes in manche Beobachtung hineininterpretiert.
Für die Kinder war es einfach normal, sich Anderen, mit denen sie sich gut verstanden, anzuschließen. Sie hatten auch vorher ihre Familien gewählt. Sie hatten aber den Schutz von Erwachsenen gebraucht. Die Ehre und Verantwortung für die Großen unter ihnen, als erwachsene Betreuer gewählt zu werden, war dann doch etwas Neues, wenn auch nicht ganz so fremd wie von mir zuerst gedacht.
Und noch eine andere Tradition veränderte sich: Nach besagtem ersten Frost hatten eigentlich alle Teens ihre Weihe als Erwachsene bekommen. Jungen und Mädchen begegneten einander als Partner in Liebe. Es hatte mitunter etwas extrem Verspieltes, erinnerte aber an die Eherituale, die mir beim Beobachten meiner ersten Siedlung bereits aufgefallen waren. War dieses gegenseitige Verbeugen mir schon bei den Erwachsenen komisch vorgekommen, so konnte ich mir kaum das Schmunzeln verkneifen, wenn sich Kinder und Jugendliche voreinander verbeugten. Nur die allgemeine Verhütung war neu. Die hatte ich nur nicht für die Feier des ersten Tropfens vorzuschlagen gewagt.





Sonntag, 2. September 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1502

Also der Bericht zur diesjährigen Cita de la Poesia ist noch nicht fertig. Der folgt also bald. Wenigstens kann man die morgigen "Gedichte des Tages" als "Nachklang" zu der Veranstaltung verstehen. Damit soll nicht gesagt sein, dass ein Treffen von Träumern hinter uns liegt.

Die 17. Cita de la Poesia ist Geschichte. Autoren aus der spanisch- und der deutschsprachigen Dichterwelt trafen sich in Berlin, so wie sich andere verschiedensprachige Dichter in aller Welt an verschiedenen Punkten dieser Welt aufeinandertrafen. Viele von ihnen wird gerade die Verschiedenartigkeit der Kulturen, in unserem Falle Lateinamerikas, Spaniens und Deutschlands, Inspiration zu neuen Gedichten sein. Mir brachte es die Schwangerschaft mit einem siamesischen Zwillingspärchen. Aufgeschrieben als "Ballade von den Träumern" weiß ich doch, dass zumindest literarisch streng Bewertende auf einer Trennung der Zusammengewachsenen bestehen werden. Ich habe also die Operation hier schon provisorisch vorgenommen und ein zweites vom Hauptbaby getrennt. Dem habe ich den Titel "Von den Träumern" gegeben. Für mich bleibt es eigentlich ein "Werk". Vielleicht muss ich letztlich auf den Ausdruck "Ballade" verzichten ...


Als Träumerei sollte ja utopische Literatur auch nicht verstanden werden, selbst, wenn das Romanprojekt noch einige geistigen Feilbewegungen wird über sich ergehen lassen:


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (162)


... Bei Dünger begann die Problemzone meiner Zukunftswirtschaft. Ich wollte ihn nicht replizieren, um keine langfristigen Abhängigkeiten zu schaffen. Um welchen herzustellen, hätte es von einer bestimmten Menge an mehrerer industrieller Vorstufen bedurft. Bei den bisherigen Anbauflächen reichte noch die natürliche Düngung und ich wusste, dass es inzwischen auf der Erde Fruchtfolgesysteme gab, die ganz ohne Dünger auskamen, weil die eine Folge die Düngung für die nächste war. Solche Kreisläufe auf dem Sakur einzuführen, hätte aber bedeutet, entweder die einheimischen Pflanzen ganz durch irdische zu ersetzen oder richtige wissenschaftliche Forschungen über viele Jahre zu betreiben. Ging das mit den Saks, die gerade erst abstrakt zu denken begannen?
Für die verschiedenen Produktionsbetriebe waren mir offen gesagt meine Replikatoren einfach zu schade und, wie schon so oft, zu klein. Wenn mir doch endlich gelänge, einen selbst fabrizierten Replikator zum Funktionieren zu bringen! Damals hoffte ich, dass ich das bald schaffen könnte.
Wichtiger war das Verständnis der Saks für Energie. Immerhin konnte ich da an ihrem Wissen über Feuer anknüpfen. Sie kannten das Kochen, wussten also von Veränderungen durch Hitze. Allerdings waren einige sehr schnell im Ziehen von Analogien. Als nämlich die Ersten den Sinn der replizierten Solarzellen begriffen hatten, wollten alle welche anpflanzen. Da musste ich mich selbst bremsen, genau überprüfen, welche Möglichkeiten das vorhandene und durch Saks wirklich reproduzierbare System zuließ. Ich ging sozusagen in meiner Menschenwelt um Jahrtausende zurück und einigte mich dann mit meinen Kindern auf das Prinzip des Wasserrades. Gemeinsam erfanden wir die eigenständigen Berufe des Müllers und des Bäckers.


Was für ein Jahr!
Natürlich hatten wir unsere Kontakte nach draußen. Ich kommunizierte in geheimen Videokonferenzen mit meinem technischen Double in Chrust, damit Fred 2 Entscheidungen in meinem Sinne traf und ich gegebenenfalls an meinen Platz dort zurückkehren konnte. Die Kinder zogen gelegentlich los, ihre Familien zu besuchen. So enttäuscht, wie sie davon erzählten, und da sie immer weniger eifrig an diese Besuche dachten, konnte ich mir gut ausmalen, was sich da in den Siedlungen abspielte. Die Kinder begriffen einfach nicht, dass die Erwachsenen ein Großteil dessen, was aus den Kindermündern gesprudelt war, einfach für überbordende Fantasie halten mussten. Dass sie das viele Neue nicht nur nicht begriffen, sondern auch nicht begreifen wollten. So fieberte ich dem Herbst entgegen. Nicht nur der Ernte wegen. Die war beeindruckend und ich entging auch allen Katastrophen, die die Träume der Kinder zerstört hätten. Nein. Ich hoffte auf die Nähe zu den Erwachsenen in der Winterstadt. Sie würden sich dann von den anfass- und essbaren Ergebnissen unserer Schule überzeugen können …


Samstag, 1. September 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1501

Als kleiner Nachklang zum Weltfriedenstag - und sei es nur als testweiser Hinweis, dass der Kriegserfahrungen eigentlich genug sein müssten: "1618". Zumindest bei mir gibt es liebeshungrige "empfängnis" ...

Dies "nur", weil dieses Journal ja am Weltfriedenstag erscheint ...




Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (161)


... Dafür arbeitete ich mich weiter an der Entwicklung einer modernen Landwirtschaft ab. Die war ungeheuer spannend. Herausfordernd. Gerade für mich. Ich hatte früher nichts davon verstanden, vielleicht gerade einmal das Wort Fruchtfolge gehört. Nun musste, nein, wollte ich den Kindern den Nutzen von Computern für die Optimierung der Versorgung von Lebewesen mit allem Notwendigen vorführen, konnte zeigen, dass Pflanzen Lebewesen waren und das wichtigste Prinzip der Ernährung eines intelligenten Wesens die Unterschiedlichkeit ist. Bei so viel Abwechslung würde jeder auf Speisen stoßen, die ihm mehr und welche, die ihm weniger schmeckten. Aber es darf doch nicht alles sein, nur den Bauch vollzubekommen. Sie sollten auch Genuss am Speisen empfinden. Irgendwie war mir schon klar, dass ich sie damit ihrem bisherigen Leben entfremdete. Aber auf der anderen Seite hatten diese Saks-Kinder in wenigen Wochen von mehr Genießbarem gehört als zig Generationen vor ihnen und sie würden bald durch eigenes Handeln über eine noch größere Auswahl an Essbarem verfügen.
Ein Erlebnis für sich waren die Haustiere. Bisher kannten die Kinder nur die Kalaks und die nur von weitem als Reit- und Lasttiere der Wohlhabenden, und die Schweine, an die sie sich als Schlachtvieh gewöhnt hatten. Nun bekam allmählich jedes Kind meiner Schule sein kleines Tier. Und zumindest theoretisch wussten die Kinder schon, wie sich diese Tiere vermehren würden. Begeistert erzählten sie mir Geschichten über eigene und von anderen gehörte Erlebnisse mit Lebewesen ihrer Wildnis. Gemeinsam versuchten wir herauszubekommen, was davon wahr und für uns verwendbar und was wahrscheinlich Produkt wilder Fantasie war.
Mit anderen Worten: Diese Kinder lernten denken, abstrahieren, ihre Welt immer bewusster erweitern.

Auch wenn die Objekte für diese Lernaktivitäten alle noch aus den Replikatoren stammten, würden sie bald eine neue Natur sein. Wenn diese Kinder erwachsen wären, wäre ein gebratenes Hähnchen für sie so selbstverständlich wie für mich – nur dass sie das Tier selbst noch lebend gekannt haben würden. Und alles neue Saatgut stammte dann von den eigenen Feldern.
Rein intuitiv hatte es bei den Saks schon Mehrfelderwirtschaft gegeben. Vergangene Generationen hatten bemerkt, dass der beständig wiederholte Getreideanbau auf demselben Feld den Ertrag minderte. Dass man woanders neu anfangen musste. Nun konnte ich die biochemischen Grundlagen erklären … und hatte dann Mühe, die Kinder davon abzuhalten, ihre Feldchen mit Dünger fett zu machen. ...



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