Freitag, 24. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1493

Was gibt es Neues? Na, es geht voran. Die nächsten "Gedichte des Tages" können vorgestellt werden und die weitere Fortsetzung des utopischen Romanprojekts. Mehr nicht für heute:

Das Stichwort gibt diesmal Sebastian Deya vor: "Großes Kino". Während er aber die Bühne Welt vor Augen hat, stürzt mein "angebot" dann auf die profan-schmalzige Liebesebene ab ...



Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (153)


... Das Mädchen gehörte zu den wenigen größeren, die ich nur wenig selbst unterrichtet hatte. Sie war im letzten Herbst mit ihren Eltern aus einer der entfernten Siedlungen gekommen. Sie hatte pflichtgemäß am Unterricht in der Schule teilgenommen, war mir sogar aufgefallen dabei, aber eher durch ihre Zurückhaltung. Ihre Haut war noch einen Hauch dunkler als die der anderen, ihre Nase war im Verhältnis zum etwas länglicheren, zarten Gesicht und dem schmächtigen Körper massiv dominant. Eigentlich waren nur ihre Augen noch auffälliger – fast riesig unter den buschigen Brauen. Und Locken hatte sie, Locken … also … Aber lassen wir das. Ich bestaunte sie, wie sie zusammen mit einer jüngeren Schwester über den Hof schritt, wie sie Essensberge schleppte, unter denen sie eigentlich im Boden hätte einsinken müssen. Den ganzen Tag beobachtete ich sie. Ich bedauerte, dass ich nicht in allen Wohnhäusern Kameras installiert hatte. Aber sie kam mehrmals heraus und aus dem, was ich dabei beobachtete, reimte ich mir ihre Geschichte zusammen. Zumindest ihr Vater war wohl während der Belagerung umgekommen. Entweder war ihre Mutter krank oder auch nicht da oder ein Geschwisterteil war krank. Jedenfalls lief sie mehrmals durch die Straßen, um etwas zu besorgen.
Endlich, im abendlichen Dämmerlicht, stand sie allein draußen. Ich sah sie Luft holen, malte mir aus, dass sie sich einen kleinen Moment von den Verpflichtungen als Ersatzmutter und -vater erholen wollte, wahrscheinlich hatte sie gerade Streicheleinheiten verteilt, und gleich würde sie wieder reingehen, denn es war ein noch sehr kühler Frühlingsabend. Da rannte ich zu ihrem Haus, um sie noch draußen abzupassen. Wahrscheinlich haben mich mehrere Saks gesehen, aber ihren Augen nicht getraut. Ich musste ihnen ja schon wegen meines für Saksverhältnisse erschreckenden Riesenwuchses auffallen, aber ich war doch weit weg.
Die kommenden Minuten … Nein, sie sind nichts für deine Fantasie. Es muss dir reichen, dass Schamoui mich hat alles machen lassen. Kein Widerstand. Keine Geste. Nichts. Als ich mich nach dem Moment von ihr löste, war da jener Blick, der so tief war, wie ich es nie erzählen könnte. Neben mir lag ein Mädchen, das ich, nein, das vorher schon ein Schicksal, zu dem leider auch ich gehörte, zur Frau gemacht hatte. Ich schob meinen linken Arm unter ihren Kopf, zog ihn an meine Brust. Weißt du, in dem Moment dachte ich daran, dass es eine starke Brust war und ein starker Arm, und ihre Locken kitzelten meine Haut und ich fühlte mich so wohl, dass ich augenblicklich einschlief.
Später habe ich Schamoui einmal gefragt, ob ich da nicht in Gefahr gewesen wäre. Sie hätte aufstehen können, ein Messer holen und es mir zwischen die ach so starken Rippen stechen. Mit Worten hat sie mir nie geantwortet, nur mit einem Blick, mit dem sie mir sagte, wie wenig ich doch von ihr verstand.
...



Donnerstag, 23. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1492

Okay. Irgendwann wird einem Liebesgedichterei auch zu viel. Aber noch ist es nicht so weit - und für mich ist interessant, wie unterschiedlich Gedichte auf mich wirken, mit denen ich einst zufrieden war. Mit einem der beiden überarbeiteten folgenden bin ich allerdings wieder nicht zufrieden:

Heute dreht sich die Liebeslyrik ausnahmsweise um das Motiv des Wassers. Zuerst geht es um ein " Bad in der Regentonne" und dann scheitert der Versuch der vollkommenen Liebesvereinigung bei "vom oktopussieren" ...

Zumindest mehr zufrieden als mit den vorigen Fassungen bin ich bei den SF-Fortsetzungen:


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (152)


... Ein Bildschirm im Monitorraum zeigte von nun an an, was mein zweites Ich sah, ein Kristall speicherte meine beziehungsweise seine Erfahrungen in Chrust. Ich aber schief mich, diesmal völlig entspannt, aus. Nun, so war ich überzeugt, würde mein Leben ungestört an der Stelle weitergehen, an der es durch die Belagerung unterbrochen worden war … Vielleicht mit dem Unterschied, dass ich nun nur noch über einen wirklich funktionierenden Replikator verfügte. Ich konnte meine Kopie in der Reichshauptstadt ja nicht ohne Machtmittel lassen.

Am nächsten Morgen erfasste mich eine vage Unruhe. Irgendwelche Albträume vor dem Aufwachen. Dann allmählich reifte der Gedanke. Angst. Es waren nicht nur die knapp fünf Monate, die ich überhaupt nicht mit meinen Saks hier zusammen gewesen war. Davor lag noch die Zeit, die durch die Belagerung und dann durch die fremden Saks-Soldaten nach der Belagerung bestimmt gewesen war. Eine unwirklich scheinende lange Zeit, in der meine Mädchen eben nicht mehr meine Mädchen gewesen waren. Die Ruhe, die man braucht für Zärtlichkeiten, die eigentlich so viel Harmonie bedeuten sollten wie für ein geliebtes Kind und den geliebten Lebenspartner in einem, fernab der Normen aus früheren Zeiten, ich hatte sie in der ganzen Zeit nicht mehr aufbringen können. Stattdessen hatte ich die jungen Frauen zu Soldaten gemacht, hatte sie eingesetzt, um ihresgleichen zu töten. Ich hatte das für unumgänglich gehalten, aber nun kam mir urplötzlich der Gedanke, dass sie das verändert haben könnte, nein musste. Ist ein Mensch, ein so junger noch dazu … entschuldige, ein Saks … aber das ist hierfür wohl egal … ist also ein Saks danach noch in der Lage, empfindsam neue Beziehungen zu entwickeln? Welche Rolle hatte das Schicksal – hatte ich – diesen jungen weiblichen Geschöpfen auf den Leib geschrieben? Unter meiner alles überragenden Führung hätte ich sie zu einem neuen Rollenbild geleiten wollen. Und nun hatten sie, die in ihrer Gemeinschaft an hinterster und trotzdem verhätschelter Stelle gestanden hatten, bereits Dinge getan, die die meisten Männer ihres Volkes nicht nur noch nicht getan hatten, sondern vor denen sie sich gefürchtet hätten. Wie würden sie mir danach gegenübertreten? Die einzige Chance, sie als mich anerkennende Personen zu erhalten, hatte ich verschenkt. Ich kam nicht an der Spitze eines mächtigen siegreichen Heeres zurück. Ich hätte mir an ihrer Stelle nicht geglaubt, hätte in mir nicht den Herrscher aller Lande sondern einen gescheiterten Flüchtling gesehen. Selbst äußerlich konnten sich meine Mädchen verändert haben.
An dieser Stelle meiner Überlegungen hatte ich bereits aufgegeben, mich normal sehen zu lassen, als wäre die Zeit dazwischen überhaupt nicht gewesen. Wie ein gejagter Dieb hockte ich im Monitorraum. Wenigstens diese Macht war mir geblieben, viel zu sehen, ohne gesehen zu werden. Für einen Augenblick dachte ich daran, einen Neuanfang von jener Stelle aus zu versuchen, an der ich auf diesem Planeten gelandet war und so, als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben. Zugleich wusste ich, das war einfach nicht möglich. Und dann sah ich sie …

Mittwoch, 22. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1491

Bei der Ankündigung der Teile dieses Journals auf Kontinuität zu verweisen, wird sicher langweilig. Doch zumindest das Zusammentragen der "beinahe-Liebe"-Stücke erweist sich als Anti-Langweile. Dann wäre nämlich die Präsentation der aktuellen Fortsetzung der Romanprojekts eine Art "gestreckte Spannung" ...:


Ein Gedicht aus jener ersten Buchveröffentlichung "Mit Blindenhund durchs Liebesland", bei dem ich besonders wenig zu ändern wusste, ist "Reptil". Da steckt noch immer viel "Ich" drin ...
Die Frage nach dem Selbstbetrug, nach der merkwürdigen Geographie der Liebe ist in "Islands" erhalten - auch etwas Altbekanntes ...

Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (151)


... Den Rest des Tages schlief ich aus. Als es wieder dunkel geworden war, schlich ich hinter die Küche zu den beiden Replikatoren. Ja, ich habe dir nicht alles erzählt. Ich hatte natürlich versucht, mit einem meiner beiden ursprünglichen Replikatoren neue zu replizieren. Logischerweise ging das nicht im Ganzen. Leider kam ich mit dem Verbinden der Module nicht zurecht. Im Wesentlichen besaß ich also einen echten Replikator und ein Gerät, das so aussah. Ich fand einfach den Fehler nicht.
Es folgte eine mühsame Puzzlearbeit. Es war immer schon etwas Besonderes, Robbis zu fertigen und ihnen dann Merkmale zu geben, anhand derer man sie unterscheiden konnte. Diesmal aber kam es darauf an, dass niemand den neuen Robbi unterscheiden konnte – und zwar von mir. Eine dafür erforderliche Oberflächenmatrix war weder vorhanden noch vorgesehen. Ich musste also erst eine Matrix meines Kopfes anfertigen, sie dann im Programm aushöhlen wie einen Kürbis – ach, entschuldige, das ist eine riesige gelbe Frucht mit dicker Schale, aus der man Gesichter schneiden kann – und diese Restmatrix einem Robbigerüst überstülpen. Dieser Robbi hatte da schon seinen Fernimpulsempfänger eingebaut bekommen und sein Datenspeicher war mit Informationen gefüllt, die ich ihm aus meinem Gehirn überspielt hatte. Er würde sich also zum Beispiel an das Meiste erinnern, an das ich mich auch hätte erinnern konnte. Die Eroberung Chrusts zum Beispiel, alle Saks, denen ich dort begegnet war … Eigentlich noch an mehr, vor allem dauerhafter als ich. Er vermochte nur die Daten nicht zu aktivieren, die das Gehirn aus dem Kurzzeitgedächtnis gelöscht hatte. Da er also mehr Daten aktiv nutzen konnte als ich, war er sozusagen ein Super-Ich.
Auf der Erde hatte es eine ganze Reihe von Abenteuerromanen gegeben, in denen solche Super-Ichs ihre Fernimpulsempfänger außer Betrieb gesetzt hatten oder diese durch technischen Verschleiß ausgefallen waren. Damit wären diese unbeeinflussbaren Super-Ichs überlegene Androiden, die dann dank der auch mit überschriebenen tierhaften menschlichen Eigenheiten zu überlegenen Feinden wurden. Praktisch war solch ein Fall zwar nie aufgetreten, die Produktion eines solchen Subjekts gehörte aber zu den Tabu-Bereichen. Wer es gewollt hätte, konnte es trotzdem schaffen, selbst, wenn er dazu erst einen Minimatrizenpräger replizieren musste. Das also war meine Lösung. Im nächsten Morgengrauen stand ich mir gegenüber. Wieder so ein ungewöhnliches Gefühl: Ich unterhielt mich mit mir. Ich antwortete mir. Ich hörte mich mit meiner Stimme sprechen. Ich testete mich. Über den Fernimpuls sperrte ich die Information, wo sich der Ausschalter befand. Dann befahl ich mir, mich auszuschalten. Ich sah meine Verwirrung, ich hörte mich mir antworten, das ginge nicht, meine Nanniten ermöglichten ein unbegrenztes Leben. Ich schaltete mich aus. Ich stand vor mir als starre Maschine. Ich schaltete mich an und erkannte mich wieder. Ich vermied natürlich, mir Gelegenheit zur Beobachtung des Schaltens zu geben. Ich war zufrieden. Einmal noch ruhen und in der Nacht floh mein zweites Ich in Richtung Chrust. Zusammen mit den drei Robbis, die mich zuvor heimbegleitet hatten. ....

 

Dienstag, 21. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1490

Macht Liebe glücklich? Wer die folgenden beiden "Gedichte des Tages" gelesen hat, wird weder JA noch NEIN mit inbrünstig-naiver Überzeugung sagen können:


"Auf-gelebt" war eines der frühesten Liebesgedichte meiner aktuellen Entwicklung, zugleich eine Danksagung für eine konkrete junge Frau, die sich wahrscheinlich nicht darin wiedererkennen würde, und die Kraft der einander beflügelnden Partnerschaften.
"im wind" ist dagegen klar ... die unlösbare Sehnsucht nach etwas, das doch immer unerreicht bleibt ...


Wer diese Fortsetzung des Romanprojekts gelesen hat, wird hoffentlich die Neugierde auf weitere nicht verloren haben:


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (150)


... Für mich war diese Wanderung mehr als ungewöhnlich. Das einzig Positive war, dass es in den Schneenächten nicht absolut dunkel wurde und obwohl tagsüber kaum die Sonne schien, mir Unwetter erspart blieben. Wir kamen in der zwölften Nacht vor Morgengrauen unbehelligt an. Kannst du dir meine Gefühle vorstellen, als sich die Umrisse meiner Stadtmauer vor mir abzeichneten? Dieses innere Aufatmen, wieder nach Hause zu kommen? Zugleich die Angst, es könnte sich etwas Wesentliches verändert haben? Ich war zwar keine fünf Monate weg gewesen, aber … Nein, dieses Aber vermochte ich nicht genau zu fassen. Mich durchfuhr nur plötzlich ein Schreck: Welchen Eindruck machte es, wenn wir, die wir mit fast 30000 Männern losgezogen waren, zu viert vor den Toren der Stadt auftauchten!
Dann der beruhigende Gedanke: Das Schlachtfeld wurde doch von einem Robbi überwacht. Er würde uns ohne solche vorpreschenden Gedanken erkennen und ohne Aufhebens einlassen.
Und so geschah es. Wie heimlichen Banditen wurde uns die Pforte im Stadttor halb geöffnet und hinter uns sofort wieder geschlossen. Wir schlüpften hinein, schlichen uns über den Burghof rauf zum Monitorraum, ließen uns berichten, was es Neues gäbe. Die Antwort war ein „Nichts!“
Ich bohrte nach und erfuhr so, dass ich den Zeitpunkt meiner Invasion wirklich gut gewählt hatte. Für die Saks-Bauern war der Winter eine Jahreszeit … also auf der Erde gab es Tiere, die schliefen den Winter durch. Hier war es seit Generationen üblich, so wenig wie möglich zu unternehmen, um so wenig wie möglich Hunger zu bekommen. In relativer Apathie empfingen meine Städter ihre Mahlzeiten von den dafür eingesetzten Robbis. Ansonsten genossen sie die anheimelnden Temperaturen in ihren Häusern und hockten beieinander. Sie schienen tatsächlich fast nichts zu tun. Konnte ich es ihnen verübeln? So viele Männer würden nie mehr für ihre Familien da sein können, mehr als die gewohnte Nachbarschaftshilfe ausgleichen konnte. Mir blieb nur die Hoffnung, dass die vielen Aufgaben, die das Frühjahr bringen würde, diese demütige Trauer verdrängen würde.
Meine Mädchen arbeiteten ihre Lernprogramme ab. Anscheinend aber absolut lustlos. Es habe zwar keine Auflehnung gegeben, aber auch für die Mädchen hatte die Hauptbeschäftigung im Schlafen bestanden. Das Einzige, was sie wohl als Wunder in Anspruch nahmen, waren die Duschen. Es schien sie unwahrscheinlich zu beeindrucken, dass trotz der Kälte draußen und ohne meine Anwesenheit warmes Wasser aus den gewohnten Löchern schoss, wenn sie den Bedienhebel drückten.
...

Montag, 20. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1489

Habe ich erwähnt, dass meine Unterarme am Schreibtisch kleben bleiben? Das ist doch einmal eine kreative Erklärung für den Einfluss des Wetters auf Literaturjournale, zumindest, soweit sie mich mit betreffen, oder?
Egal. Heute gibt es also keine Eskapaden und Kapriolen sondern nur "Gedichte des Tages" aus der Kategorie "beinahe Liebe" und eine weitere Fortsetzung des SF-Roman-Projekts. (Ob übrigens einer die markierten Links bei den Gedichten noch nicht als solche erkannt hat?):


Wer erinnert sich eigentlich noch an diesen Schmelz(Schmerz?)prozess von Melodie und Rhythmus? Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. Irgendwie kam mir das Wortspiel bei jenem "beinahe-Liebe"-Gedicht passend vor.
Passend bei dem aktuellen Schweißwetter kam mir aus demselben Topf
"Kälteeinbruch" vor. Allerdings hat er gegenüber der veröffentlichten Vorfassung weniger Änderungen über sich ergehen lassen müssen ...

Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (149)


... Was sollte ich tun?
Immerhin hatte ich eines erreicht: Jenes Fürstentum, das ich zuerst erobert hatte, würde in absehbarer Zeit nicht angegriffen werden. Darauf baute schließlich mein neuer Plan auf.
Die einzigen Wesen, über die ich wirklich mit uneingeschränkter Macht verfügte, waren die Robbis. Es gab verschiedene Arten, ihnen Anweisungen zu geben. Normalerweise wurden sie akustisch gesteuert. Ihnen waren Programme eingegeben, die sie geradlinig abarbeiteten. Die konnte man direkt modifizieren, indem man den Robbi vorübergehend ausschaltete, man konnte auch durch eindeutige akustische Weisungen Veränderungen vornehmen, sofern man im Programm als dazu befugt eingeschrieben war. Aber die Robbis lernten auch. Viele der eingegebenen Programme waren auf ein Ziel orientiert. Man definierte ihnen also das Ziel ihres Handelns und den Primärweg, um es zu erreichen. Wenn dieser nicht zum beabsichtigten Erfolg führte, testeten die Robbis andere Wege selbstständig. Je nach Erfolg bestätigen oder verwarfen sie die danach. Möglich war auch, ihnen einen Fernimpulsempfänger ins System zu integrieren. Dieser war in der Lage, wie ein Computer Signale von einem kompatiblen Sender als überschreibende Befehle entgegenzunehmen. Um allerdings Missbrauch auszuschließen, musste die Abstimmung vor Inbetriebnahme erfolgen. Darauf baute ich auf. Ich setzte drei Robbis ein, die zusammen mit Marutos die Amtsgeschäfte in einem Vorraum des Thronsaales führen sollten. Es entsprach den gängigen Sitten, dass der Chrustino seine Handlungsweise nicht begründete. Die einzige Gefahr lag in der Zeit. Je mehr davon verging, umso misstrauischer würde zumindest Marutos werden, wenn er seinen Gott nicht zu Gesicht bekam. Für einen schwer abzuschätzenden Zeitraum würde er aber zufrieden sein, ungestört die Macht im Reich auskosten zu können – in meinem Namen.
In Begleitung dreier Robbis verließ ich Chrust in einer der folgenden Nächte unbemerkt. Die Robbis hatten dabei zwei eindeutige Befehle. Sollte uns jemand entdecken, durfte er das nicht überleben. Und sie sollten mir die Nachtwanderungen ermöglichen. Das Risiko von Gerüchten, die sich aus ein paar Spuren im Schnee ergeben konnten, musste ich eingehen. Entscheidend war, schnellstens mein halb oder ganz verlassenes Fredville unbemerkt zu erreichen.
Die Robbis erledigten beide Aufgaben hervorragend. Allerdings wagte sich auch kaum ein Saks nachts vor die Tür. ...

Sonntag, 19. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1488

Muss man in einem Literaturjournal an einem Hitzerekordtag darüber schreiben, dass es schwer ist, an einem Hitzerekordtag ein Literaturjournal zu schreiben? Das könnte dann auf ein Paradoxon hinauslaufen von der Art "Was hier steht, ist falsch."  Also wenn die Aussage stimmt, ... wenn sie aber nicht stimmt, ... Also was denn nun?
Besser ist also, ein Standardprogramm zu präsentieren mit den "Gedichten des Tages" zuerst und der nächsten Fortsetzung zum Romanprojekt und ohne Extras.
Aber ... um den Anfang zu löschen, ist es dann doch zu heiß ...


Kann es sein, dass Thomas Reich in "Das falsche Blut" Begriffe in einem Topf mischt, die dort nicht zusammen hineingehören? Er konnte doch nicht wissen, dass ich mit "Königskinder am Kochtopf" dieses Motiv für "beinahe Liebe" etwas schräg verwenden würde ...?!

Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (148)


... Ich konnte natürlich Robbis als oberste Verwalter, also Gouverneure einsetzen. Die würden genau so entscheiden, wie ich ihnen das vorgab. Sie konnten verhindern, dass die Bauern über die allgemeine Ausbeutung hinaus an der zusätzlichen Bereicherung irgendwelcher kleiner Unterherrscher für sinnlosen Luxus litten. Aber selbst das konnte nur teilweise funktionieren. Ich konnte ja nicht alle Bonzen ersetzen. Ich hatte insgesamt 50 Robbis zur Verfügung und im Reich gab es unter anderem schon allein 126 solche Fürstentümer wie meines.
Alles so lassen, wie es war? Entließe ich das stehende Heer, so würde sich ein Teil bei einem der Fürsten verdingen, der andere würde sich in Räuberbanden verwandeln. Beides keine Traumperspektive.

Es war furchtbar. Während ich ekelhafte Audienzen über mich ergehen ließ, in denen sich irgendwelche würdelosen Würdenträger zuerst vor mir auf den Boden warfen, dann ein Loblied sangen auf die gewaltige Macht, die ich über Schnee, Sturm und Steine hätte, dann meine Weisheit priesen, deren Unermesslichkeit sie zu begreifen nicht mächtig wären, um letztlich langsam mit ihren kleinen, lächerlichen Bitten vorzutreten, konnte ich mich oft kaum beherrschen. Ob es geholfen hätte, wenn ich die ersten alle achtkantig hinausgeworfen hätte, anstatt zuzustimmen, dass die Tuchmacher diesmal nur mit sieben Prozent besteuert würden? Das System einer Zentralgewalt machte es zumindest theoretisch möglich, die klugen Köpfe dieses Reiches zu entdecken und zu fördern.
Egal. Schon nach wenigen Tagen im Palast lief das Leben im Reich, wie es seit Generationen gelaufen war. Die Überlebenden meines Heeres genossen kleine Beförderungen. Der Einzige, dem die neue Situation absolut nicht behagte, war ich selbst. Mir war klar, dass meine Macht wesentlich kleiner war, als sie auf den ersten Blick schien. Ich besaß einfach kein echtes eigenes Machtmittel. Sobald etwas über die Replikatoren bekannt würde, wären sie Ziel von Diebstahl oder Zerstörung. Von den Robbis abgesehen, musste ich mich mit dem Großkonfutor abstimmen, der auch vorher die Fäden der Macht geknüpft hatte. Marutos hieß er und er war eine Mischung aus Geisterbeschwörer, Zeremonienmeister und Generalslenker. Lange verstand ich nicht, worauf sein Einfluss auf die Armeeführung beruhte. Bis ich die einfache Antwort fand. Drogen. Er verfügte offenbar über Kenntnisse zur Verarbeitung einer Pflanze, die den Trinkern des Sudes Glücksgefühle suggerierte. Ob diese Pflanze Ähnlichkeiten mit einer früher auf der Erde bekannten hatte, weiß ich nicht. Allerdings machte auch sie nach wiederholtem Genuss abhängig. Sie wurde bei allen Feierlichkeiten in niedriger Dosierung eingesetzt. Die Armeeführung war ausnahmslos abhängig. Leider traf das auch bald auf die durch mich beförderten Offiziere zu.
Die Erkenntnis stärkte nur meine Überzeugung, dass eine Überwachung des Palastes keine Verschwendung technischer Reserven war. ...

Samstag, 18. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1487

Müde bin ich, geh zur Ruh -
es geht auf den Sonntag zu.
Doch zuvor ganz ohne Qual
folgt das neue Lit.-Journal ...
Ob sich jetzt unschuldige Dichtergräber kringeln? Egal. Nur ein kurzer Blick auf das Lyrik-Blog und bei dem sich entwickelnden Projekt eines irgendwann gelingenden neuen SF-Romans steht auch nur eine weitere Fortsetzung bevor ... da kann man getrost an den Sonntag denken:


Bei Thomas Reich wünschte ich mitunter eine lyrische Feile zur Nacharbeit, damit aus urtümlich gutem Spontanen richtig starke Gedichte würden. Aber vielleicht ist im Zeitalter von Blogmassen das Produkt von "heute" morgen sowieso im See der Schöpfungen versunken? Schade wärs nicht nur für "Über den Tisch gezogen".
Na gut ... wer im Glashaus sitzt, ... Aber dem schon veröffentlichten Gedicht, auf dem "Bioliebe" aufbaut, folgt diese Bearbeitung ... und vielleicht ist das noch immer nicht meine "Weisheit" letzter Schluss. Oder erkennt man die Vorlage in "Mit Blindenhund durchs Liebesland" nicht mehr?

Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (147)


... Ich will dem Schneesturm nicht alle Schuld geben, aber er förderte zumindest auch mein Abwarten. Dieses Abwarten weckte wiederum die Annahme, es würde alles so weitergehen wie bisher. Diese Möglichkeit aber ließ die bisherige Führungselite des Reiches aus ihren Startlöchern kommen. Man dienerte sich mir an. Ich würde doch ihre Erfahrung in Staatsapparat und Verwaltung benötigen. Das war leider auch nicht verkehrt. In den Schulen, die die Kinder meiner Mädchen hätten durchlaufen sollen, wäre eine moderne Generation herangewachsen, die das ganze System in die Tiefe hinein hätte verändern können. Aber diese Generation gab es noch nicht. Kontakt zu vertrauenswürdigen Saks hatte ich nicht. Ein Großteil derer, die die Mordnacht überstanden hatte, war mir sogar wirklich dankbar dafür, potentielle Konkurrenten um angestrebte einträgliche Posten so einfach losgeworden zu sein. Es war eine lange Kette von weil-dann, hinter der ich mich verschanzen konnte.
Außerdem herrschte noch die kriegsfreie Winterzeit. Niemand erwartete große Feldzüge oder Auseinandersetzungen irgendwelcher Art. Und du kannst mich verdammen: Ich wusste keine Lösung. Hätte ich jetzt die Soldaten abhängiger Staaten zu meinen unmittelbarsten Anhängern machen wollen, ich glaube es wäre dasselbe System herausgekommen – nur mit ausgetauschten Völkern als Herrschende und Beherrschte. Diesmal eben mit den Chrustani als Vasallen. Allerdings hätten die die Organisation des nächsten Widerstandes besser beherrscht. Ich hielt mich damals sogar noch für besonders weise, als ich wesentliche Machtpositionen „paritätisch“ besetzte und den Kommandoapparat vergrößerte. Ich ließ also nicht die alte Garde verjagen, sondern stellte ihr die fähigsten Kämpfer meiner Armee zur Seite. In gleichem Rang. Ob ich denen vertrauen konnte, hätte ich nicht sagen können. Sie waren ja erst vor nicht zu langer Zeit zu mir übergelaufen und hatten vorher alle Normen des Reichs der Chrustani verinnerlicht.
Von meinen Segnungen hatten diese Soldaten eigentlich nur eine kennen gelernt: Sie waren eine Weile gefüttert worden mit den Möglichkeiten der Replikatoren. Gerade die aber würden eine Schwachstelle werden. In den ersten Tagen konnte es noch nicht auffallen. Im Wesentlichen hatten die Truppen die vor dem Abmarsch replizierten Lebensmittel gerettet. Die würden noch eine Weile reichen. Aber ich hatte nur einen Replikator mit. Was noch schwerer wog: Außer einem kleinen Notstromaggregat auf Fotozellenbasis hatte ich keine Stromversorgung dabei. Es reichte kaum fürs Füttern der Robbis, für die Überwachung und etwas Eigenbedarf. Früher oder später würde ich Wünschen gegenüberstehen, die außerhalb meiner Möglichkeiten standen. Hatte ich in der Größenordnung meines unbedeutenden Fürstentums die Lebensbedingungen aller Bewohner wesentlich verbessern können, würde ich – wenn überhaupt – nur ganz allmählich in die Verhältnisse des großen Reiches eingreifen können. Anders ausgedrückt: Ich musste alles belassen, wie es war. Ja, selbst kleine Schritte zur Verminderung der an manchen Stellen schwer erträglichen Ausbeutung würden auf mich als Schaden zurückfallen. Dass es überhaupt eine Verwaltung gab, war ja nur deshalb möglich, weil für diese paar Saks von der Masse mitgearbeitet wurde. Dass andere deren freie Zeit erarbeiteten, ermöglichte wenigstens ihnen so etwas wie Bildung und Kunst und der ganzen Gemeinschaft vielleicht die ersten eigenen Erfindungen. Damit die am schwersten Arbeitenden dies zuließen, bedurfte es wiederum der Soldaten, für die ebenfalls andere arbeiten mussten. Sollte ich die aufs Feld zum Arbeiten schicken? Das hatten sie nicht gelernt. Sie waren gute Soldaten und würden jeden, der ihre persönliche Freiheit in die Mühsal auf irgendwelchen Feldern umzuwandeln versuchte, bekämpfen.
...

Hallo,

vor wenigen Tagen ist eines der ungewöhnlichsten Bücher der letzten 
Jahre erschienen  ...
Erotisch, hochpolitisch, psychologisch, philosophisch, mystisch, 
theologisch, komisch – und auch ein wenig "durchgeknallt" ...
Mediensatire, Parodie auf den Generationenkonflikt, "Road Trip", _/Krimi 
der besonderen Art/_, augenzwinkernde Gaunergeschichte mit akribisch 
sich entwickelnder Detektionsstruktur–  und am Ende auch noch 
klassischer Entwicklungsroman. Protagonist ist ein 14-jähriger 
(Ober)Klugscheißer, der mit seiner Geschichte in keine Schublade passt. 
Eine Art “Harry Potter für Erwachsene“. Aber Vorsicht, kommt erst mal 
harmlos daher, ist aber wegen seiner vielen Ebenen ein hinterhäl­tiges, 
geradezu durchtriebenes Buch. Und vielleicht macht es ja gerade den 
Charme des chroni­schen Dauer­zitierers Albert aus, dass sich seine 
Ansichten nicht auf Schul­buchphilosophie a la "Sophies Welt" 
beschränken, sondern durchaus mit den Pfunden ernst zu nehmender 
denkerischer Originalität wuchern wollen?

/Worum geht es? Zum Beispiel um ...
... den „sexuellen Irrsinn“ des Pubertierenden, die Klimakatastrophe, 
das Problem der Willensfreiheit – kontrovers diskutiert in Hirnforschung 
und Rechtswissenschaft -, die Theodizee, Schönheit, Glück, Fühlen, 
Determinismus, Kosmologie, Quantenphysik, Alberts interessanten Versuch 
der Moralbegründung, Erkenntnis- und Evidenzproblematik in den 
Geisteswissenschaften, Ungerechtigkeiten innerhalb demokratischer 
Gesellschaften, die Möglichkeit neuer Kriege. Unsere (manchmal) dubiose 
Medienkultur mit ihren aufgesetzten Talkshows. Probleme der 
amerikanischen Außenpolitik. Das Thema „Sinnsuche“ und Zerrissenheit des 
jungen überdrehten Protagonisten, der schon weiß, wo es langgehen 
könnte, aber noch nicht “aus dem Quark“ kommt.
/
Schauen Sie mal hinein, ob ich übertrieben habe?

Herzliche Grüße
Peter Schmidt

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