Freitag, 31. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1754

Weiter mit "Exoten" der Liebe. Zuerst die Fortsetzung der Kleider-Geschichte und dann "Gedichte des Tages" zum Thema Liebe mit Risiken und Alkohol ...

Anna Roth: Eine Kleiderfrage (2)

... Schon seit mindestens fünf Jahren hatte Lina kaum Sachen aus diesem Schrank angezogen ... ... Mark dachte daran, dass er nicht über ein Warum diskutiert hatte. Stillschweigend hatten beide ganz selstverständlicheinen neuen Schrank für die neuen Mäntel, Kleider, Röcke, Hosen, Blusen, Dessous und Schuhe beschafft.
Von ihrem Fitnessabend käme Lina nach zehn zurück. Es war halb acht. Marks Sachen waren als Kleiderhaufen in der Ecke gelandet. Er griff zuerst nach einem weißen Strickrock. Stieg hinein. Über den nachwachsenden Flaum auf seinen Männerbeinen streichelten die Wollfäden des recht eng geschnittenen Rockes. Das Schöne an dem Material war seine Dehnung und Anschmiegsamkeit. Mark hätte zwar nicht behaupten können, dass ihm der Rock seiner Schwangerschaftsfrau ideal gepasst hätte, aber er fühlte sich auch nicht eingeengt. Der unten offene Stoff versuchte vergeblich zwischen Marks Schenkeln hindurchzugreifen. Die Luft, die Mark nackt nicht aufgefallen wäre, kroch nun an seinem Hodensack kraulend aufwärts. Nein, wies sich der Mann zurecht, es war noch nicht soweit. Schnell streifte er den Rock herunter.
Viel reizender war der leichte, zartkühle Stoff des Sommerhängers. Hier engte nichts ein. Der Umfang von Marks Becken lag weit unter dem Linas, als Anni ihren Bauch geformt hatte. Eine Hand suchte nach schwellenden Brüsten. Sie stieß auf überreizte Brusthaare, aber wnn die Finger nicht allzu ungeschickt wären, dann würden die Brustwarzen sich aufrichten, wie um einem hungrigen Würmchen die Erwartung zu stillen.
Die Hand zog sich wieder zurück. Jetzt schob sie den weiten Stoff über die Waden aufwärts, über die Knie, die Oberschenkel entlang, bis sie auf einen gewaltig geschwollenen Kitzler stieß. Mark verlor alles Gefühl für Zeit und Raum. Seine Finger bewegten sich unter dem anschmeichelnden Stoff. Er hörte wie von fern seine Stimme krächzen, nein. singen. Du willst es doch auch. Da spritzte der Schleim am auf den Bauch gerutschten Stoff vorbei auf den Teppich. Marks Atem ging wieder langsamer ...


Auch heute starten wir mit Petra Namyslo, diesmal mit "Liebe und Alkohol".
Mit Alkohol sollte man sich schon angeheitert haben, wenn man ein rechtes Vergnügen an "Liebeslimericks aus Ost & West" haben möchte ...

Donnerstag, 30. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1753

Was versteht "man" unter Liebe? Ist das nicht eine müßige Frage in der Prosa? Jeder hat seine ganz speziellen Grenzen. Wenn zwei Menschen miteinander die Flächen entdecken, auf denen ihre Welten sich decken, dann ist das, was sie miteinander tun, richtig. Hierzu also einen Text von Anna Roth:

Anna Roth: Eine Kleiderfrage (1)


Nach zehn Jahren sollten sie ihren Hochzeitstag feiern wie andere Familien auch. Mark hatte das gesagt, um Lina heauszufordern. Eigentlich - und daher stammte ja ihre besondere Anziehungskraft auf ihn - war sie unvernünftig romantisch und irgendwie anders.
Lina hatte ihn nur böse angesehen und ihn etwas brummiger als sonst gebeten, Annis Hausaufgaben zu kontrollieren; sie schaffe es nicht mehr; heute sei doch ihr Fitnesstraining. Also hatte er sich Anni gewidmet. Ein Glück, dass das Mädchen ihn noch mit einem Blick betrachtete, als wäre er ein unenttarnter Geheimagent oder etwas anderes ganz Besonderes. Ob sie das mit der Pubertät ablegen würde? Und ob wohl ein zweites Kind ein zweites Glück wäre? Ach, wenn schon ... das verlängerte dann höchstens die Illusionen.
Gute Nacht, Papa!
Mark lief ins Bad, holte einen feuchten Lappen, lächelte Anni an, wischte ihr den Zahnpastaklecks vom Nachthemd und schleuderte sie lachend durch die Luft. Dann ließ er sie in Bett plumpsen, zog die Decke über ihr zurecht und flüsterte - in den Gute-Nacht-Kuss hinein - Träum schön, Schatz!
Nachdem er die Kinderzimmertür hinter sich zugezogen hatte, verwandelte sich sein Ich-bin-dein-Papa- und-deine-Mama-Lächeln in eine traurige Fratze. Ich hätte einen guten Politiker abgegeben, knurrte er sein Spiegelbild an.
Dann ging er den Korridor entlang, wo sich hinter einer Zwischentür das Schlafzimmer und Linas Umkleide- und Ruheraum verbargen. Sorgfältig lauschte er auf Geräusche hinter sich. Nein, Anni wollte nicht mehr pullern gehen, vielleicht war sie diesmal wirklich gleich eingeschlafen. Mark schalt sich einen unvorsichtigen Narren. Aber er konnte nicht anders. Er schloss die Zwischentür ab und öffnete den alten Kleiderschrank.
Schon seit mindestens fünf Jahren hatte Lina kaum Sachen aus diesem Schrank angezogen ...

Und damit gleich weiter zu den "Gedichten des Tages" von morgen:

Gibt es wirklich ein Leben vor dem Tode? Dieser tief philosophischen Frage widmet sich Petra Namyslo mit "Das Leben ist kurz". 
Oops ... Wer gerade etwas Heiteres erwartet hatte, ist enttäuscht ... dabei ist das Gedicht doch nicht schlecht ...
Wer nun wer fragt, ob denn "Pflichtfesselspiel" noch eine andere Ebene hat als die, die da steht, dem antworte ich, wenn er es will ...


Mittwoch, 29. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1752

Heute ist der Text verschwunden. Es scheint, dieses Journal hat "Mitesser" ... Buchstaben- oder Textfresser?! Wo ist denn der Text geblieben? Findet sich denn wenigstens die Vorschau auf die "Gedichte des Tages" von morgen?
Naaaa.... Jepp:

Gunda Jaron bot mir ein Gedicht mit der Anmerkung an, es sei aber nichts Tiefschürfendes. Das war - logischerweise - Anlass, etwas "besonders tief Schürfendes" zu dichten, um es damit zu paaren.
Hier also das Ergebnis:
Gunda Jaron "Zweieinander" (ein Wortspiel) - Slov ant Gali "Nach der Drangzeit" ...
,
Und auch die Prosa taucht wieder auf in Form einer Rezension von Roger Suffo zu "Gemeinschaft der Glückssüchtigen":

Das neue Handbuch für Lehrer des Kommunismus?! Voll mit literarischen und logischen Bildern, wie eine alternative Gesellschaft funktionieren könnte und warum sie erst (oder schon?!) heute funktionieren kann? Ja. Und ein sehr unkonventionelles dazu. Für jeden, der bisher glaubte, über das Thema wüsste er genug, eine Fundgrube an Anschauung – Vernünftiges und Emotionales. Insofern vermisse ich besonders schmerzlich, dass der Autor auf Beschreibungen des Weges zum seiner Darstellung nach notwendigen Ziel verzichtet hat. Nach diesem Buch kann man genauer darüber diskutieren, ob man so wie beschrieben zusammen leben möchte. Eindeutig war die „Herkunft“ des Autors aus der Science Fiction hilfreich (z.B.Planet der Pondos). Zur wissenschaftlich-logischen Herleitung aus dem, was wir kennen, kommt der bildhafte Schuss Fantasie, wie es weiterginge, wenn wir das Richtige tun oder es versäumen.
Unsicher wäre ich, ob Jugendliche / Schüler die originellen Episoden aus der DDR-Zeit des Autors einordnen können. Immerhin sind auch die aus einem ungewohnten Blickwinkel erzählt. Nicht von einem „Staatstragenden“, der sich rechtfertigen oder beweihräuchern will, oder von einem, der die Seiten gewechselt hat, sondern die Erlebnisse von einem, der die verschiedensten Berufe an der „Basis“ angepackt hat … und eben nicht immer erfolgreich war.
Schade ist übrigens auch, dass der rote Stern so penetrant linke Propaganda androht. Es könnte vernünftige Interessierte verschrecken. Aber vielleicht können die Linken durch das Buch besser erklären, was sie denn eigentlich wollen. Damit wäre „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ ein sehr zu empfehlendes „Sachbuch“ (mit Gedichten, Autobiografie und Ausflügen in die „Belletristik“)
Gemeinschaft der Glückssüchtigen: Wie wir die Welt wollen

Dienstag, 28. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1751


Roger Suffo: Pickel steht auf (4 + Schluss)


In einem enormen Zeitraffer erfasste den Jungen, der sich Pickel gerufen wusste, eine Metamorphose zum Jungmann namens Ben B. Mochten Mädchen auch über den Rest an ihm geteilter Meinung sein … Vor seiner erregt-erregenden Männlichkeit empfanden sie also Ehrfurcht, also zumindest Furcht. In diesem Moment war ein neuer Macho geboren.
Was? Wer das glauben soll?
Stimmt. An der Stelle müsste die Geschichte erst beginnen. Aber man stelle sich vor, jetzt ginge sie so weiter, dass aus dem Pickel-Benjamin ein vorstadtbekannter Entblößer geworden wäre – wäre das nicht traurig?
Oder was könnte denn noch aus ihm geworden sein? Vielleicht ist er zur alten Rolle zurückgeschrumpft, kaum wieder zurück in der alten Umgebung. Eigentlich doch schade, oder?
Oder eines der drei Mädchen ist noch einmal umgekehrt und hat die Rolle übernommen, die Ben den Ameisen zugedacht hatte? Kitschig, oder?
Schweigen wir also darüber, wie es weiter ging und denken uns unsren Teil.

Wenn wir an jener Stelle vorüber wandern und den Ameisenhaufen am Rande der Lichtung entdecken, halten wir Abstand. Was immer sich die Krabbler dort erzählen, sollte ihr Geheimnis bleiben. Ihres und das von einem Jungen, den seine unkameadschaftlichen Klassenkameraden zum Pickel erklärt hatten ...  

Manches kann man nicht erklären. So ist das bei Lyrik. Da schrieb Ursula Gressmann "mein schloss am meer", und wenn ich es lese, höre ich ein halb durchschimmerndes Lied aus der Stille ...
Nicht lachen: "Once nueve" gärte und gährt in meinem Kopf. Bisher ist also nur diese Slov-ant-Gali-Antwort dabei herausgekommen. Mitunter reicht es aber wohl nicht, betroffen zu sein ...

Montag, 27. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1750


Roger Suffo: Pickel steht auf (3)


Wenigstens ließ sich so manche Ameise auf einen Halm locken, von dort musste sie auf Bens Stamm gehievt und dort auch noch tätig werden, anstatt davonzulaufen. Dies alles verlangte viel Konzentration.
So verpasste Benjamin die Anbahnung des sein weiteres Liebesleben bestimmenden Augenblicks völlig. Er konnte später nur vermuten, dass die drei Mädchen die abgelegene Badestelle als unerwarteten Glücksfall auf ihrer Wanderung empfunden hatten. Sie hatten eine Grube entdeckt, sich dort ausgebreitet. Vielleicht hatten sie vorsorglich ihre Bikinis mitgenommen, vielleicht unter der Sommerkleidung getragen. Als sie auf die Idee kamen, das kurze Stück ins Wasser zu laufen, hatte wohl eine von ihnen den Blick schweifen lassen. Da aber hatte Ben seinen Rücken und im Besonderen dessen Ende, die Pobacken, nach oben gestreckt, sodass letztere wie mümmelnde Maulwurfshügel durchs Gras schimmerten. Neugierig geworden hatten sich die drei durch Zeichen verständigt und angeschlichen. Was und vor allem, warum das Ben dort tat, konnten sie anfangs nicht erkennen, da zwischen der Hand mit dem Halm und dem Blick der Mädchen noch des Jungen Hinterseite auf- und niederwippte. Dies sah allerdings ausreichend komisch aus, dass sich mindestens eines der Mädchen das Feixen nicht verkneifen konnte und infolge dessen auch die anderen nicht.
Dieses Geräusch kam so unvermutet für den Jungen, dass seine gewohnte Unterbewusstseins-Blockade, also alles, was er an Umgangserfahrungen gesammelt hatte, mit einem Mal aussetzte. Und dies – so merkwürdig das scheinen mag – gleichzeitig mit der anerzogenen natürlichen Scham.
Anstatt schnell verschämt nach dem Nächstbesten zu greifen, die eigene Blöße und den Gegenstand des heimlichen Spiels zu verdecken, drehte sich Benjamin Brandlochner vollends zu den Mädchen um und richtete sich zu voller, wenn auch noch nicht vollendeter Größe auf. Allerdings hatte sich das Organ unschuldiger Manneslust im Vorgefühl bevorstehender mikrobiologischer Reizung bereits zu maximaler Größe gestreckt. Es zielte nun mit drohender Macht auf die drei Sommersprossen im Gesicht des rotblonden Mädchens in der Mitte der drei.
Den Mädchen verging das Lachen sofort. Wie weit ihre bisherigen Erfahrungen mit maskuliner Anatomie bereits gingen, ob sie also den auf sie gerichteten Trumm zu vergleichen und bewerten in der Lage gewesen wären, war nicht festzustellen. Der Schreck überdeckte alles. Alle drei quietschten wie Zwölfjährige und ergriffen auf blanken Sohlen die Flucht.

Wie komisch das doch aussah!

Ist wieder die "nacht des raben"? Dieses Gedicht enthält eine Abwandlung einer gängigen Floskel, die so m.E. noch keinem anderen vorUrsula Gressmann eingefallen ist ...
"Once nueve" von Jürgen Polinske verunsichert mich an zwei Stellen. Zum einen kann ich schwer sagen, ob jemand, der den Dichter nicht gehört und Spanisch nicht gelernt hat, die Überschrift richtig deutet, zum anderen habe ich mit den tausend Sekunden Probleme. Ansonsten entstehen die "beabsichtigten" Bilder ... und ich denke voraus an den bevorstehenden Tag, an dem sich diese Katastrophe zum 40. Mal jährt ...

Sonntag, 26. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1749

Wie immer zuerst ein Häppchen Prosa, dann der Lyrik-Ausblick:

Roger Suffo: Pickel steht auf (2)


So war der Sommer für ihn Fluchtzeit. Er hatte einen Waldsee entdeckt, richtiger eine Bucht mit einer natürlichen kleinen Badestelle, die nicht genutzt wurde, weil sie so abgelegen war. Wozu sollte man dorthin, wenn es in der Nähe viel bessere Stellen gab. Also nur besser im Sinne, andere zu treffen.
Was konnte man nicht alles tun, wenn man allein sein durfte. Die Stelle sah aus, als hätten vor Jahren Soldaten hier ihre Idiotenspiele getrieben. Zumindest durchzogen Vertiefungen die Lichtung in Ufernähe, die nur als ehemalige Schützengräben, -löcher und Ähnliches zu erklären waren.
Hier konnte sich Pickel hinlegen, nackt und scheinbar fern von allen Zwängen, und Spaziergänger hätten den Weg um den See herum laufen können, ohne den Jungen im Gras, kaum zehn Meter entfernt, bemerken zu müssen.
Meist hatte Benjamin seine Schulsachen mit. Er machte seine Aufgaben, so gut es ging. Er las viel. Er streckte seinen bloßen Hintern in die Höhe und lachte über das angebliche Ozonloch, denn er bekam keinen Sonnenbrand, obwohl er sich mit keinem Lichtschutzfaktorzeug einschmierte. Und er entdeckte sich. Das heißt, entdeckt hatte ihn eine mittelgroße rote Ameise. Die war über seine ruhende Männlichkeit gekrabbelt, und vielleicht hatte sie nur aufräumen wollen. Auf jeden Fall verspürte Ben in dem Ast, der sich an ihm immer mächtiger aufrichtete, plötzlich einen zart stechenden oder brennenden Schmerz. Aber so einen … Also spontan hatte Ben zwar den unverschämten Beißer abgeschüttelt. Später aber hoffte er immer zielgerichteter auf solchen Besuch an jener Stelle. Schon die Erwartung bescherte Ben eine bis dahin ungekannte Lust. War dann einer der roten Lustschmerzkrabbler bissig, dann schien sich der halbe Blutkreislauf an jenem abstehenden Stück zu versammeln. Meist wechselte Ben nach solch einem ihn aus jedem Zeitgefühl herausschleudernden Erlebnis die Stellung, weil die Waldpolizisten danach in Ruhe einen weißlichen Schleimklecks zu entsorgen hatten. Und jene Substanz war auf jeden Fall besser abzubauen als gelegentliche fremde Plastikabfälle oder Coladosen.

Jeder Mensch macht gelegentlich einen Fehler. Bei Ben war es der, dass er die drei Mädchen, die vielleicht 16 und somit zwei Jahre älter als er waren, an jenem Julinachmittag nicht ernst genommen hatte. Das heißt, Ben war einfach zusehr in seine Ameisensuche vertieft, als sie auf dem Weg vorübergingen. Also sein nur noch halb hinhörendes Unterbewusstsein hatte gleich auf Weitermachen geschaltet. Die Viecher spielten, seit er sie für sein Spiel wollte, oft nicht mit. Es war, als ob er mit hochgestrecktem Penis darauf wartete, dass ihn eine Pferdebremse dorthinein gestochen hätte. Wahrscheinlich wäre er vorher am ganzen Körper zerstochen worden.  

Hanna Fleiss startet heute mit einem "Liebesgedicht": "Notausgang" ...
"Wat dem eenen sin uhl ..." ist bestimmt kein Liebesgedicht - aber eine besondere Betrachtung zum Künstler-Sein vielleicht schon ...

Samstag, 25. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1748

Zwischendurch ist mal wieder einiges nicht gelaufen wie geplant. Nun aber gibt es einen neuen Prosatext. Und für Roger Suffo ist es der erste und von ihm wird er als "romantische Jugendprosa" bezeichnet:

Roger Suffo: Pickel steht auf (1)


Pickel hatte Angst. Eigentlich war das zu seinem ersten Ich geworden. Er sammelte Zeitungsartikel über jugendliche Amokläufer, wenn mal was bekannt wurde, und dann dachte er, die sind so wie ich, aber die ziehen es wenigstens durch bis zum Schluss. Selbst dazu fehlt mir der Mumm.
Nein, Pickel, der laut Ausweis Benjamin Brandlochner hieß, aber seitdem seine Familie in die Nähe Berlins gezogen war, von allen nur Pickel gerufen wurde, hatte keine Ahnung, was im Kopf so eines Amokläufers vor sich ging. Er malte sich nur aus, was wohl in seinem Kopf vorgehen würde, wäre er einer. Einmal hätten ihn alle zur Kenntnis nehmen müssen. Sie hätten ihn gefürchtet. Das war fast so gut, wie geachtet zu werden. Er wusste schon nicht mehr, wie es angefangen hatte. Hatte er am ersten Schultag etwas Verkehrtes gesagt? War es sein Dialekt gewesen, den die anderen bayrisch nannten, obwohl er doch aus Stuttgart kam? Anfangs hatte er sich noch gewehrt. Dann aber hatte er immer mehr vorausgesetzt, dass man ihn ablehnte.
Richtig schlimm wurde es erst, als er sich für Mädchen zu interessieren begann. Das konnte ja nicht gut gehen: Man, also Mann, interessierte sich zwar für Mädchen, war sich aber sicher, dass die sich nicht für ihn interessierten, und wahrscheinlich war er von Natur aus, wenn es denn so etwas gab, sowieso schon ein schüchterner Einzelgänger.
Ihm gelang es einfach nicht, zu einem Mädchen Blickkontakt aufzunehmen. Irgendwie versuchte er es zwar, aber immer so, dass das Mädchengesicht ein Lächeln überzog, für das es in Pickels Logik nur eine Erklärung gab: Sie lachte ihn aus. Worüber sie wirklich lachte und ob überhaupt, spielte überhaupt keine Rolle.

Natürlich hatte Pickel entschieden, dass er kein Boxershortstyp sein konnte. Er schwamm schlechter als die meisten anderen Jungen, er trug keine Merkmale übergroßer Männlichkeit unter der Alltagskleidung. Schlicht gesagt: Hätte er denn eine Clique angehört, hätte er darin keine positive Rolle gespielt. Da er keiner angehörte, war die Wahrscheinlichkeit noch größer, dass er an einem der Strände in der Nähe der Siedlung gehänselt werden würde. Meinte er....



Nun aber weiter mit den "Gedichten des (morgigen) Tages":

Es ist bestimmt ein miterlebenswertes Ereignis, Ursula Gressmann in einem lyrischen Rapsblütenrausch nahmens "frühlingstraum" zu erleben.
Es wäre sehr interessant zu erfahren, wie viele Leser erkennen, worauf sich das Gedicht "Verboten" bezieht, ja, was es denn überhaupt für ein Gedicht ist. Man kannes wirken lassen, wie es ist ... und sollte ich das einmal zur iskussion stellen, wird man mir die Fingerzeige auf den Ursprung sicher streichen und es wird dann ein anderes sein ...

Donnerstag, 23. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1747

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...Man sollte nie ein Gedicht an seiner Entstehungsgeschichte erkären oder messen. Ursprünglich hätte also "17. Juni 53" mein ambivalentes Verhältnis zu Johannes R. Becher und dessen Stalin-Behymnung einfangen sollen. Mitten im misslingenden Prozess fiel mir auf, dass ich mich etwas Anderem näherte ... ob klar GENUG, muss sich erst zeigen.
Ein Gedicht zu finden, das ein Buch wie ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" abschließen kann, zu finden, ist ein Kunststück für sich. Ich versuchte es damit, einen der Schlüsselbegriffe aufzugreifen: "individuum 1".

Mittwoch, 22. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1746

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...Einmal Weltuntergang ... und (vielleicht) zurück ... gefällig?
Da wäre das Slov-ant-Gali-Testgedicht "Verbrannt" gerade richtig und ...
Gewiss wird mir nicht jeder zustimmen wollen, wenn mein Gedicht die Geschichte des 20. Jahrhunderts in dem Wort "verpatzt" zu fassen versucht. Wer das Buch dazu gelesen hat (""Gemeinschaft der Glückssüchtigen""), ahnt klarer, was damit gemeint ist ...

Dienstag, 21. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1745

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Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (18)




Fragte sie, was wir uns einbildeten, ohne zu fragen darauf zu zelten? Sie war ausdauernd und trieb uns ins Haus, das wir bei dem dichten Regen zuvor nicht gesehen hatten. Wir wurden in ein Zimmer mit Doppelbett und vielen Handtüchern eingewiesen und kaum getrocknet, hatten wir der „Hausherrin“ zu folgen.

In der „guten Stube“ empfing uns „die Familie“, die im Laufe des Nachmittags und Abends immer weiter anschwoll. Was sich da ereignete, war höchstens mit einer großen Hochzeitsfeier vergleichbar. Die Rumänen lebten zu dieser Zeit und in dieser Gegend extrem ärmlich. Auf der Festtafel vor uns aber mangelte es an nichts. Immer wieder wurden wir genötigt, das und das und das zu probieren. Jemand, mit dem wir uns hätten sprachlich verständigen können, fand sich nicht. Uns zu Ehren (?!) wurde ein Fest wie für Staatsgäste inszeniert, mindestens mehr als das Monatseinkommen der Anwesenden. Übersättigt und stark angetrunken sanken wir irgendwann in unsere Himmelbetten. (Wir waren im Schlafzimmer der Hausherren gelandet ... merkten wir später.)
Wir wurden am folgenden Vormittag verabschiedet wie gute alte Freunde – wenn auch in der Gewissheit, dass wir einander nie wiedersehen würden. Der Schock kam, als wir Mittagsrast machen wollten. Da stellte sich heraus, dass „jemand“ uns außer Fresspaketen noch Bierflaschen in die Rucksäcke gesteckt hatte. Dazu muss man wissen, dass Bier in jener Gegend nicht nur extrem teuer, sondern auch selten gewesen war. Das hatten die Leute nicht einfach so in ihrem nicht vorhandenen Kühlschrank. Der heimliche Beschenker war zurecht davon ausgegangen, dass wir diese Gabe nicht angenommen hätten, aber Bier eben das Getränk für Deutsche war.
Ich kann nicht einmal sagen, ob wir wenigstens auf Rumänisch „Danke!“ für die Gastfreundschaft gesagt hatten … (Zumindest den von den Anderen verwendeten Abschiedsgruß haben wir imitiert.)
Ich gebe zu, ich wäre zu einer solch vorbehaltlosen Form der Gastfreundschaft Fremden gegenüber nicht fähig. Allerdings die Freude an der Feier konnten wir nachempfinden. Und wir erahnten das spitzbübische Vergnügen der Einheimischen bei der Vorstellung, mit welcher Verwunderung wir die heimliche Gabe entdecken würden. Nach unseren Maßstäben war diese unschuldige Freude allerdings extrem teuer „erkauft“.
Viel später wurde mir bewusst, dass wir eine Art „Potlatch“ erlebt hatten.

Ich breche die Reisen in eigenes Erleben hier ab. Ich habe in der DDR gelebt und bin nicht blind herumgelaufen. Ich kann zwar darauf verweisen, dass ich oft widersprochen habe, mich bemüht habe, auf Mängel in unserem System hinzuweisen, aber eben nicht bis zur letzten Konsequenz, nicht genug. Ich hatte mich eingerichtet und wäre jetzt vielleicht ein selbstgefälliger Doktor der Pädagogik, der über Verifizierung von Methoden der Kenntnisvermittlung in der Erwachsenenqualifizierung seine Eitelkeit befriedigte. Damit mitschuldig am Scheitern eines Anlaufs für eine gute und nötige Sache. So richtig alt bin ich ja noch nicht. So hoffe ich einfach, dass wir unsere Fragen beim nächsten Mal aggressiver stellen als vorher. Und vielleicht den Antworten näher kommen, wie die Welt werden wird.







Gerade fand ich einen Artikel über Gentrifizierung in der "junge Welt", in dem die Widersinnigkeit beklagt wurde, dass selbst der künstlerische Umgang mit der Geschichte eines Hauses, mit dem Schicksal seine einstigen Bewohner und die daraus abzuleitende demonstrative Anklage inzwischen Element der Vermarktungdes "Kiezes", der keiner mehr ist, georden ist. Nun also bringtPetra Namyslo ihr Gefühle zum Ausdruck, dass "Andere Zeiten" verloren gingen.
Ob ich wohl mit dem Gedanken, ein Buch ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" müsse auch ein Gedicht "Gemeinschaft der Glückssüchtigen" enthalten enthalten? Muss dann dieses Gedicht etwa "ganz toll" UND alles zusammenfassend sein, oder reicht, dass das Gedicht nicht am Anfang oder Ende steht, als Beleg, dass es ein "normales" sein soll?

Montag, 20. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1744

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Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (17)




... Aber es kann schon beeindrucken, wie weit Menschen über ihren Schatten springen können, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen. Bei beiden Kolleginnen war die unterschwellige Verachtung, die ihnen meist entgegengebracht worden war, nicht von vornherein unberechtigt. Beide aber entfalteten eigene Qualitäten, sobald die als wertvoll angenommen wurden. ...

Es begann mit einem für mich typischen Reinfall. Im Frühsommer, mein Studium war gerade zu Ende, wurde ich mit einer Studentin verkuppelt, die ihre Semesterferien bereits verplant hatte. Ohne meine körperlichen Probleme zu berücksichtigen, stimmte ich spontan zu, mit ihr und ihren Freunden durch die rumänischen Karpaten zu wandern. Einfach Rucksack gepackt und los. Bei den ersten Beanspruchungen meiner Knie wurde dann deutlich: Ich konnte nicht. Alleine zurück? Liane hatte den rettenden Einfall. Wir trennten uns von den Anderen und zu zweit begann eine Tour, bei der ich nicht sagen kann, ob sie sich heute irgendwo auf der Erde wiederholen ließe.
Unsere Route kann ich nicht beschreiben. Wir haben keine „offiziellen“ Stationen gemacht, sind getrampt ohne konkretes Ziel. Höchstens: In der Gegend gab es viele Leute, die Deutsch sprachen. Solche Leute wollten wir finden, bei ihnen übernachten, uns unterhalten und Vorschläge bekommen, was wir als Nächstes ansehen sollten. Es gab keine Kontaktprobleme und kaum jemand fuhr an uns vorbei, ohne zu halten und nach unserem Ziel zu fragen. Die Freundlichkeit war allgegenwärtig, beschränkte sich nicht auf die Solidarität der sich verfolgt fühlenden deutschen Minderheit. Das war Erlebnis eins: Wir wurden laufend durch Gemeinschaften gereicht, die alle bedingungslos offen und herzlich zu uns waren, etwas gaben ohne Gegenleistung. Für einen Deutschlehrer war natürlich die Begegnung mit Menschen, die ein „Deutsch“ von vor 150/200 Jahren sprachen, ein Erlebnis für sich. Gerade die Assimilierungspolitik unter Ceausescu förderte als Anti-Haltung das Festhalten an überlieferten Traditionen. (Insoweit kann ich heute die „Migranten“ in Deutschland leichter verstehen, die sich nicht in Deutsche dritter Klasse umwandeln lassen wollen.)
In einem abgelegenen Dorf überraschte uns dann ein Gewitterguss. Der Regen kam schneller, als ich das aufschreiben kann, und mit urwüchsiger Kraft. Vom nächsten Grundstück war nur ein Rasenstück mit Baum zu erkennen. Liane reagierte und dirigierte schneller, als ich denken konnte. Ehe ich mich versah, hatten wir unser Zelt aufgebaut und waren darin dabei, uns aus den nassen Sachen zu schälen. Da hob sich die Plane am Eingang. Ein Frauengesicht tauchte auf. So wie zuvor vom Regen wurden wir nun von Schimpfworten überschüttet. Wir verstanden nur, dass die Frau Rumänisch sprach und unsere Versuche, auf Deutsch oder Englisch zu antworten, ignorierte. Nein: Wir verstanden noch, dass wir weg sollten. Wollte die Frau uns bei dem Wetter von ihrem Privatgrundstück vertreiben? Fragte sie, was wir uns einbildeten, ohne zu fragen darauf zu zelten? Sie war ausdauernd und trieb uns ins Haus, das wir bei dem dichten Regen zuvor nicht gesehen hatten. Wir wurden in ein Zimmer mit Doppelbett und vielen Handtüchern eingewiesen und kaum getrocknet, hatten wir der „Hausherrin“ zu folgen.





Irgendwie habe ich nach dem Bierzeitungsausrutscher wohl etwas gutzumachen. Ich biete also ein Künstler-Testgedicht, bei dem ich mich letztlich für den Titel "Galaxis Ich" entschieden habe ... Das steht also neben dem nächsten Gedicht aus ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" ".Dialektik." ... Na gut. Viele werden das eher "Sentenz" oder Aphorismus nennen ...

Sonntag, 19. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1743

Viel ist als Leseprobe aus dem neuen Buch nicht übrig. Es sollte ja nur der autobiografische Teil vorgestellt werden ...


Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (16)



... Ich wollte und ich bekam erneut eine Chance. Ohne recht zu ahnen, was mich erwartete, landete ich im Bildungsbereich eines Außenhandelsbetriebes ...
Ohne den DDR-Staat abzulehnen (allerdings auch ohne ihn kritiklos anzunehmen) fand ich eine Nische genau für mich. Nur hatte mein „Nischendasein“ Formen, die nicht nur ihrer Zeit weit voraus waren, sondern heute schwer vorstellbar sind. Gut … Die organisatorischen Voraussetzungen für hohe Eigenständigkeit waren besonders günstig, u.a. war meine Abteilung außerhalb des Betriebes untergebracht, aber das war nicht das Entscheidende.
Meine Aufgabe war eine Dienstleistung für das Kombinat. Der Außenhandelsbetrieb war zuständig für die Auslandstätigkeit aller Kombinatsbetriebe. Alle ihre „Reise- und Auslandskader“ hatten vor ihrer ersten Auslandsdienstreise (und dann rhythmisch) einen Lehrgang zu absolvieren. Dessen Inhalt war in allgemeinen Ministeriumsplänen festgehalten - ein geballtes Gesamtstudium Außenwirtschaft, Weltanschauung und Menschenqualität / Benehmen in der Öffentlichkeit in einem. So viel also, dass auf jeden Fall abgewichen, sprich: gestrichen werden musste. Was, blieb den Bedingungen vor Ort überlassen. Ich hatte die tatsächlichen Lehrgänge zu planen und diese Planung praktisch umzusetzen. Dabei hatte ich freie Hand, wo (in der DDR) ich welche Dozenten gewann. Es wäre überhaupt nicht aufgefallen, hätte ich einige Tage nur Privatangelegenheiten erledigt. Da wäre ich eben auf Dozentensuche gewesen.
Das Maß an Kreativität bei der Arbeit war sehr hoch. Ich hätte zwar auch ohne anzuecken etwas „zum Abhaken“ machen können, aber gerade weil ich es selbst wollte, jagte ich laufend Verbesserungen hinterher. Seltsamerweise schlug das besonders die schwächsten Glieder der Abteilung in den Bann: Vier „Verantwortungsträger“ teilten sich eine Sachbearbeiterin / Schreibkraft, die nach Bedarf für jeden von uns Hilfsarbeiten zu erbringen hatte. Die erste war dabei oft in Gedanken (und am Telefonhörer) beim Bändigen ihrer pubertierenden Tochter (sie war allein erziehend) – also „abwesend“. Ihr Ruf war demzufolge: Faul, quatscht viel, hat von nichts Ahnung … usw.
Ich nutzte sie zum Ideentest und für organisatorische Aufgaben sehr komplexer Art. Ergebnis: Sie blühte allmählich auf. Sie entwickelte Vergnügen an der (Mit-)Lösung von Problemen, die nicht von vornherein lösbar schienen. Sie brachte sich in immer beeindruckenderem Umfang in die Arbeit ein. Schließlich wuchs in ihr Stolz darauf, was WIR geschafft hatten. Bei ihrer jüngeren Nachfolgerin noch mehr. Während sie von den Anderen behandelt wurde wie jemand, von dem man wenig hielt, konnte sie sich neben mir voll entfalten. Abgesehen davon, dass sie durchaus intelligent war, verstanden wir uns gut zu ergänzen. Über ihre weiblich charmanten Umgangsformen verfügte ich nun mal nicht – jeder zog aus dem Anderen die größten Nutzeffekte, zusammen erreichten wir ein Niveau, auf das wir uns einiges einbilden konnten und das jeder für sich allein nie erreicht hätte.
Beide Sachbearbeiterinnen wuchsen über sich hinaus, indem sie fast selbständig gestellte Aufgaben lösten … im Gefühl, dass eine schwierige Aufgabe von ihnen (mit) gelöst wurde, weil genau sie das ihrer ganz persönlichen Qualitäten wegen lösten. An sich banal. Aber es kann schon beeindrucken, wie weit Menschen über ihren Schatten springen können, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen. Bei beiden Kolleginnen war die unterschwellige Verachtung, die ihnen meist entgegengebracht worden war, nicht von vornherein unberechtigt. Beide aber entfalteten eigene Qualitäten, sobald die als wertvoll angenommen wurden. ...

Weiter mit dem Blick auf die "Gedichte des Tages":

Petra Namyslo wagt sich poetisch Po-ethisch an "den Kapitalisten". Ein Abenteuer, das "Masse Mensch" bestehen will und bei dem die Autorin "dem Menschen" offenbar ein böses Ende prophezeit, wenn sich ein solches lyrisches Ich durchsetzt ... Da ist es sicher kein Zufall, dass ich mit "das maß" aus ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" kontere. 

Samstag, 18. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1742




Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (15)



... Darf man mir verübeln, dass ich das vergnüglich fand? Aus einer spontanen Tageslaune heraus landete ich auf einem Pädagogenplatz – und noch dazu als Rotlichtbestrahler. Ja, so anarchisch habe ich Staatsbürgerkundelehrer werden können
... Und mir ist nie ein „Stasi“-Schlapphut mit dem Wunsch nach einer „Verpflichtung“ begegnet (aus anderen Gründen auch nicht) – ich war damals nicht einmal Mitglied oder „Kandidat“ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Das war nicht Bedingung. Später habe ich mich darum bemüht. Das war schwierig. Ich nahm es allerdings auch ernst mit der Auswahl meiner Bürgen. Ich hatte meine Freiheit voll ausgereizt und erwartete nicht von vornherein, dass man ausgerechnet mir Vertrauen entgegenbrächte – brachte man aber.

Während wir bei der praktischen Ausgestaltung des Studiums und im Ausreizen unserer Meinungsbildung in der „Sektion Marxismus-Leninismus“ große Freiheiten genossen, beobachteten wir bei den Studenten der Geschichtssektion Anderes. Dort wurde schulmäßig gegängelt. Für viele der Gedankengänge, mit denen uns unsere Professoren „bearbeiteten“, hätten sie nach heute üblichem DDR-Bild sofort in „Stasi-Knästen“ verschwinden müssen.
Einzig die „Freiheit“ zum Drogen“konsum“ hatten wir nicht – ich glaube aber, mir ist da nichts entgangen – mit Alkohol wurde die „Lücke“ ausgefüllt. Klar wäre ich gern auch einmal durch die andere Hälfte der Welt gereist, aber mit offenen Augen durch die Länder des Ostens zu reisen war zumindest bereichernder, als sich an fernen Küsten zuzuballermannen.
Für meinen Gesamtweg war dann ein anderer Bruch Ausschlag gebend: Klar, ich konnte mich hinter den ungeeigneten Stimmbändern verstecken. Aber wahrscheinlich wäre ich nie ein guter Lehrer geworden. Was den Umgang mit Schülern anging, bin ich eben eher „Coach“ für Interessierte als ein Massen dressierender Lehrer. An der ersten Einsatzschule nach dem Studium war ich aber der einzige Staatsbürgerkundelehrer. Ich hatte alle Schüler der Schule in dem Fach zu unterrichten, ohne sie je kennen gelernt zu haben. Vielleicht hätte man mir meine „Anfangsprobleme“ kameradschaftlich verziehen. Aber eine Kollision mit der Parteisekretärin der Schule brachte das Ende. Meine scharf antimilitaristischen Auffassungen, die natürlich auch nicht vor menschenverachtenden Umgangsformen innerhalb der NVA Halt machten, stießen bei der Genossin, deren beide Söhne begeisterte Offiziere waren, auf „machtvolle“ Ablehnung. So etwas wie mich konnte man nicht auf sich erst entwickelnde Persönlichkeiten loslassen. Als sich mein Scheitern abzeichnete, schien die Konsequenz klar: Ich war im Kreis der Versager gelandet. Meiner damaligen Partnerin (und späteren Ehefrau) verdankte ich die Chuzpe, mich trotzdem auch für Aufgaben zu bewerben, die anspruchsvoller als die eines Lehrers erschienen. Ich wollte und ich bekam erneut eine Chance. Ohne recht zu ahnen, was mich erwartete, landete ich im Bildungsbereich eines Außenhandelsbetriebes ...

Hanna Fleiss nennt "Der Afrikaner" ein Gedicht mit fast aktuellem Anlass. Traurigerweise zieht sich die Aktualität dieses Gedichts durch alle Frontex-Zeiten ... Ich wage, ausgerechet diesem Gedicht für ein Angebot aus ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" "Gemeinsame Rast" zuzuordnen - sei es, weil Pfingsten ist, sei es, weil mir der Afrikaner willkommen ist, sei es, weil es wichtig ist, dass gleich Gesinnte einander die Hand reichen ... 

Freitag, 17. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1741




Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (14)



... Die planorganisierte Nützlichkeit verwandelte sich in eine Form des Sich-in-die-Taschen-Lügens. Ich suchte im Unterbewusstsein bereits eine Fluchtmöglichkeit. Es war nur vorübergehend ein Keim aufgegangen. So wäre unsere Gesellschaft geworden …

Zu jener Zeit war ich mit einer Abiturientin aus Berlin zusammen. Die hatte außer am „Unterrichtstag in der sozialistischen Produktion“ noch nie einen Arbeiter in Natur gesehen (Der Vater war Mediziner und Edelgrundstücksbesitzer, die Mutter Hausfrau). Aber aus dem Staatsbürgerkunde-Unterricht nach Lehrbuch „wusste“ sie, was und wie die Arbeiterklasse war – und demzufolge nicht sein konnte – und zum anderen war ihr klar, dass jemand, der behauptete, so etwas Unmögliches (also die Besäufnisse) erlebt zu haben wie ich, nur ein Klassenfeind sein konnte. Nun war ich immer sehr kritisch gewesen. Dass mir aber meine Bettgefährtin, die keine Ahnung hatte, nicht nur erklären wollte, was ich erlebt haben konnte und was nicht, sondern auch, dass ich ein „Klassenfeind“ war, reizte meinen Widerspruch. Ich nicht auf der Seite des Sozialismus?! Du wirst schon sehen! Vielleicht bin ich bald selbst Staatsbürgerkundelehrer – ich weiß dann wenigstens, wovon ich spreche. Sie zeigte mir einen Vogel – hätt ich an ihrer Stelle wohl auch. Aber ich meinte das spontan Gesagte ernst. Gleich in der nächsten Woche lauerte ich am Arbeitsplatz auf eine Gelegenheit, allein das Telefon benutzen zu können. Die Nummer der Hochschule, die die von mir angestrebte Fachkombination Deutsch und Staatsbürgerkunde anbot, hatte ich bereits herausgesucht. Kaum war ich ungestört, erkundete ich mich nach einem freien Platz. Deutsch / Staatsbürgerkunde nicht, aber Staatsbürgerkunde / Deutsch, bekam ich zur Antwort. Na gut, nehm ich. Was muss ich denn tun? Einen Antrag ausfüllen und zum Arzt und man schicke mir alle Formulare zu.
Das war im August. Einen Monat später (!) begann ich mein Lehrerstudium. Die anderen Studenten hatten sich natürlich ein Jahr früher beworben und waren im Mai bereits zu einem Jugendlager zusammengetroffen.
Die Eile fiel später als Bumerang auf mich zurück: Jeder zukünftige Lehrer wurde planmäßig gründlich unter anderem vom Hals-, Nasen- und Ohrenarzt untersucht, nicht nur, aber auch auf die Eignung der Stimmbänder. Die waren aufgrund eines Bronchialinfekts bei mir in jenem August nicht zu begutachten. Der Arzt schrieb also, dass er keinen Befund erstellen könne. Während des Studiums stellte sich dann heraus, dass ich unter normalen Bedingungen nicht zugelassen worden wäre. Aber da ich nun einmal schon dabei war und ja wollte, konnte ich weitermachen.
Wenn ich heute von den vielen Bespitzelungen höre, muss ich laut lachen: So schnell, wie in meinem Fall eine absolut unbürokratische Lösung möglich gemacht worden war, war damals keine Akte anzufordern und zu sichten. Selbst hier, wo sich im Nachhinein eigentlich die spontane Entscheidung als Fehler herausstellte, war sie etwas Positives.
Darf man mir verübeln, dass ich das vergnüglich fand? Aus einer spontanen Tageslaune heraus landete ich auf einem Pädagogenplatz – und noch dazu als Rotlichtbestrahler. Ja, so anarchisch habe ich Staatsbürgerkundelehrer werden können.  ...




Bei Ursula Gressmann heißt es heute "Wehmut" - da wünschen wir jedem viel Mut und möglichst wenig Weh.
Und was hält "Gemeinschaft der Glückssüchtigen" dagegen? Diesmal das "Lied vom schwarzen Schaf", das Hohelied auf alle Querdenke und -handler ... 

Donnerstag, 16. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1740





Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (13)



... Naiv wie ich war, versuchte ich umzusetzen, was ich umsetzen sollte. Stieß auf lauter Unmöglichkeiten. Musste, um etwas (oder jemanden) zu bewegen, die Arbeiter mit Wodka ködern. Vieles wurde auf dieser Basis möglich
 Von Abteilungsleitern aufwärts war „unten“ niemand zu sehen. Man könnte meine Eindrücke „Kulturschock“ nennen. Irgendwie verging mir beim Anblick der die Arbeitszeit totsaufenden Kollegen die Illusion von der Arbeiterklasse an der Macht und vom „Volkseigentum“. Sahen so „Eigentümer“ aus? Angetrunken in Erwartung des nächsten „Schicksalsschlages“ namens „Plankorrektur“?!
Wie gesagt, ich brachte den „Lunikoff“ mit, wenn ich etwas wollte, und die Arbeiter, überwiegend junge Leute, kümmerten sich dann um „mein“ Problem. Dass wir voneinander nicht besonders viel hielten, verheimlichten wir nicht, aber ich „Sesselfurzer“ kümmerte mich eben und das würdigten sie auf ihre Weise …
Schon beim zweiten Mal war ich gefordert, wenigstens mit anzustoßen. Trotz aller Vorbehalte gegeneinander kamen Gespräche zustande. Eines davon drehte sich um Verschraubungen für Ventile, von denen bei mir buchtechnisch viele vorrätig waren, von denen die Arbeiter aber behaupteten, sie seien alle. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass die Gesuchten bei einem der Aggregate vor der Montage gegen die Originalverschraubungen ausgetauscht wurden. Die laut Plan vorgesehenen passten nämlich nicht. Je länger wir uns unterhielten, umso spannender wurde die Angelegenheit. Konnte es sein, dass da irgendwo ein Fehler vorlag?
Es lag einer vor. Der war, wie´s aussah, bereits bei der Projektierung entstanden. Plötzlich ahnten wir, dass wir sowohl Arbeitszeit als auch Material einsparen konnten. (Die abmontierten nicht passenden Verschraubungen wurden bisher als Abfall behandelt.) Da es weder leicht war, den schuldigen Punkt zu finden noch fachgerecht zu formulieren, wo was verändert werden musste, wuchs eine kleine Forschungsgemeinschaft zusammen. Dieselben Menschen, die während der ganzen vorangegangenen Zeit sich eigentlich als gesellschaftliche Schmarotzer aufgeführt hatten, empfanden sich plötzlich als Miteigentümer, die selbstverständlich sparsam mit „ihrem“ Volkseigentum umgehen wollten. Man erkannte sie kaum wieder. Aus den Säufern wurde eine Jugendbrigade. Plötzlich ging es um „uns“ - unseren Staat, unsere Gesellschaft, etwas, was „wir“ verbessern konnten. Eine für mich unglaublich erscheinende Wandlung. Wenn ich sie nicht miterlebt hätte, ich hätte es nicht geglaubt.

Die Angelegenheit geriet „natürlich“ später in die Fänge sozialistischer Bürokratie. Plötzlich hatte das „Büro für Neuererwesen“ etwas Reales zu tun. Und zwar etwas, was dem Ideal des Staates sehr nahe kam - hatten sich doch richtige Arbeiter mit Angestellten und Angehörigen der Intelligenz zusammengefunden, um einen Arbeitsablauf zu verbessern! „Leider“ nur spontan. Von nun an sollten wir gezielt und geplant Verbesserungen erarbeiten. Wir erstellten auch tatsächlich ein Jugendobjekt. Allerdings bestand dessen Hauptkreativität in der Fixierung eines Nutzens, der nie eintreten konnte. Ich weiß nicht, wie klar das den Einzelnen war, aber mir begann die Sache peinlich zu werden. Die planorganisierte Nützlichkeit verwandelte sich in eine Form des Sich-in-die-Taschen-Lügens. Ich suchte im Unterbewusstsein bereits eine Fluchtmöglichkeit. Es war nur vorübergehend ein Keim aufgegangen. So wäre unsere Gesellschaft geworden …

Und was wird aus den "Gedichten des Tages"?


Thomas Reich wird hoffentlich nicht der Meinung sein, ich würde sein Gedicht "Schnauze halten" unwidersprochen lassen. Ich nehme allerdings auch an, dass es zum Herauskitzeln des Widerspruchs gedacht ist. Aber wozu hat denn Buki nun geschrieben?!
Ich halte eben mit ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" eben gerade nicht die Schnauze, sondern bringe mit Produkten wie "Nach der Geldzeit" eben mein Stück Fantasie, nein liebe Phantasie, in die Diskussion ein ...




Mittwoch, 15. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1739

Vorstellung von autobiographischen Prosateilen, kombiniert mit "Gedichten des Tages" ... das übliche Programm. Auffällig bei der Anmoderation der Lyrik: Sollte da eine amerikanische Zuckerwasserkette bei der Gestaltung der neuen deutschen Rechtschreibung eine Rolle gespielt haben?


Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (12)



... Ich war zuständig für bestimmte Zubehörteile, namentlich Hydraulikventile und Verschraubungen. Vielleicht nicht gerade die Perspektive, von der aus eine Volkswirtschaft zu erklären ist, aber meine ......  Es gab natürlich einen spezifizierten Plan, welche Aggregate wann in welcher Zahl zusammenzubauen gewesen wären, welche Einzelteile und Baugruppen also pünktlich hätten zur Verfügung stehen müssen. Antworten auf die Frage, warum die benötigten Aggregate jeweils nicht zur Verfügung standen, drangen nicht bis auf meine Ebene herunter. Dass sie nie so ankamen, wie ursprünglich geplant, merkte jeder. Da dann permanent versucht wurde, einen korrigierten Plan vorzulegen, der eventuell umsetzbar gewesen wäre, gab es im Laufe der Zeit bald niemanden im Betrieb, der die anfängliche Planung noch ernst nahm. Letztlich lief alles darauf hinaus, gegen Ende der Monate an die Zahlenfront zu werfen, was dann wirklich montierbar war. In diesem Chaos spielte meine Abteilung eine eher untergeordnete Rolle. Jeder sah ein, dass kein Aggregat ohne die passende Pumpe und ihren Motor entstehen konnte. Der Kleinkram war eben dazu zu besorgen.
Nun hatte so eine „Planung“ Konsequenzen: Die unmittelbare Montage sollte jeweils dann beginnen, wenn alle zu montierenden Teile am Montageplatz vorlagen. Zur detaillierten Planerfüllung gehörte, die Kleinteile nach dem Ausgangsplan aus dem Lager in die Montage zu bringen. Gelegentlich geschah dies auch. Im seltensten Fall wurde aber wirklich nach dem Ursprungsplan produziert. Wer also gut gearbeitet hatte, musste doppelt arbeiten, weil die planmäßigen, aber unter den neuen Vorgaben nicht verwendbaren Teile nun der tatsächlichen Fertigung im Weg waren. Das Ergebnis bei den Lagerarbeitern war eine pervertierte Form von Dienst nach Vorschrift: Sie rührten nichts mehr an, wovon sie nicht wussten, dass auch die anderen Bauelemente vollständig vorlagen. Da diese Bedingung mindestens an den ersten 22 Tagen jedes Monats kaum irgendwo erfüllt war, rührte sich in meinem Lagerbereich in dieser Zeit so gut wie nichts. Da es aber ausgeschlossen war, drei Wochen hintereinander tatsächlich NICHTS zu tun, wurde saufend und Karten spielend beieinandergesessen. Dieses System hatte für die Lagerarbeiter angenehme Nebeneffekte: An den letzten Tagen der Monate „brannte die Luft“: Da musste all das bis dahin Versäumte mit den nun tatsächlich vorhandenen Teilen nachgeholt werden. Denn letztlich sollten die Pläne ja sogar übererfüllt werden. (Irgendwelche wurden dann auch offiziell übererfüllt.) Das war nun in regulärer Arbeitszeit nicht zu bewältigen. Da wurden Sonderzahlungen lockergemacht, nur damit sich die Arbeiter an Wochenenden im Betrieb sehen ließen – neben den „normalen“ Zuschlägen, versteht sich.
Diese Situation war der Normalzustand, als ich meine Arbeit im Produktionsbetrieb aufnahm. Naiv wie ich war, versuchte ich umzusetzen, was ich umsetzen sollte. Stieß auf lauter Unmöglichkeiten. Musste, um etwas (oder jemanden) zu bewegen, die Arbeiter mit Wodka ködern. Vieles wurde auf dieser Basis möglich.  ...



Thomas Reich wird hoffentlich nicht der Meinung sein, ich würde sein Gedicht "Schnauze halten" unwidersprochen lassen. Ich nehme allerdings auch an, dass es zum Herauskitzeln des Widerspruchs gedacht ist. Aber wozu hat denn Buki nun geschrieben?!
Ich halte eben mit ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" eben gerade nicht die Schnauze, sondern bringe mit Produkten wie "Nach der Geldzeit" eben mein Stück Fantasie, nein liebe Phantasie, in die Diskussion ein ...

Dienstag, 14. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1738




Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (11)



... WAS ich eventuell studieren könnte, aber das irgendwann tun zu können, wollte ich mir nicht verbauen. Aber dafür zur Armee?! Eher nicht! Also begann ich die Pflicht-Dienstzeit mit der Absicht nicht aufzufallen. Stattdessen leistete ich mir erst einen kleinen Unfall und sorgte dann mit regelmäßigen 
Fingern im Rachen für Erbrechen. Schließlich wurde ich nach einem halben Jahr ins zivile Leben entlassen. Problem: Ich war nun ein Jahr zu früh in Freiheit. Der Betrieb musste mich zwar wieder aufnehmen (so war das halt in der DDR), aber der Platz in meiner Abteilung war besetzt. Der einzige freie im Betrieb war einer in der Kosmetik-Reklamationsabteilung. Klar, dass ich so schnell wie möglich irgendwo anders hin wollte. Ich ahnte noch nicht, welche psychischen Schäden die Armeezeit hinterlassen hatte und wie lange die Schreibblockade anhalten würde, also nahm ich noch einen Anlauf in Richtung Schreiben … Dass ich als „kulturpolitisch-künstlerischer Mitarbeiter für künstlerisches Wort beim Kreiskabinett für Kulturarbeit“ alles besonders gut machen wollte, war klar. So wurde der Ausflug in die Welt der Kulturorganisation natürlich zum Fiasko. Gleich der erste Auftritt bei einer höheren Charge im Kreis, konkret beim Direktor des einzigen Gymnasiums, misslang und führte zu einer handfesten Beschwerde. Ich wäre ihm, einem angesehenen Leiter, überheblich gekommen, hätte ihn beleidigt, er mache nicht genug zur Förderung der Begabung seiner Schüler … so in dem Sinn. Meine Vorgesetzte zog daraus den Schluss, dass ich wohl doch etwas zu grün für die Aufgabe wäre und mir lieber Praxis in einem Produktionsbetrieb holen sollte. Heute wäre dies ein Rauswurf in der Probezeit gewesen, damals gönnte man mir etwa ein halbes Jahr, mir etwas Geeignetes zu suchen. Diese Zeit verbrachte ich überwiegend mit Basisarbeit bei Schreibenden und Laienkabarettisten in Betrieben und mit der Erarbeitung von Muster-Programmen zu Fest- und Gedenktagen. Ein besonderes Vergnügen bereitete es mir, zum „Tag der Nationalen Volksarmee“ ein expressiv antimilitaristisches Programm zu verbreiten. Genugtuung: Nun kamen Danksagungen aus mehreren Betrieben im Kreiskabinett an. Wahrscheinlich hatte man nichts als trockene Lobhudeleien erwartet.

Nach dieser Erfahrung landete ich in einem der Schweriner Großbetriebe. ORSTA Hydraulik war innerhalb eines „Kombinats“ der Endfertigungsbetrieb für große hydraulische Anlagen. Ich wurde in der Materialwirtschaft eingesetzt. Eine hydraulische Anlage besteht im Wesentlichen aus drei Grundelementen: einem Motor, einer Pumpe und Zubehör. Ich war zuständig für bestimmte Zubehörteile, namentlich Hydraulikventile und Verschraubungen. Vielleicht nicht gerade die Perspektive, von der aus eine Volkswirtschaft zu erklären ist, aber meine ... ...


Manchmal schlägt der Herbst des Lebens mit vorwinterlichem Eishauch zu, manchmal ruft er zum letzten großen Zwischenspurt, manchmal aber genießt man einen "Tagtraum II" ... meint zumindest Ricardo Riedlinger.
In ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" spielt Slov ant Galimit Identitäten. Es ist eben keine politische Propaganda, sondern enthält auch Verunsicherung. So stellt "Diesmal" die Frage nach der Flucht aus Verantwortung in den Raum ... und das ausgerechnet als Eröffnung eines Kapitels über die Verkehrsgestaltung der Zukunft in Erwartung eines Verkehrsunfalls des lyrischen Ichs ...

Montag, 13. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1737




Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (10)



... Es folgte eine beruflich extrem wilde Zeit. 
... Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre ich in der heutigen „kapitalistischen“ Gesellschaft versumpft. Genauer: Ich hätte so viele Sprünge einfach nicht geschafft. Zumindest hätte ich meinen Lebenslauf da wohl entweder fälschen oder akzeptieren müssen, dass ich, als unzuverlässig abgestempelt, zu den meisten Vorstellungsgesprächen überhaupt nicht eingeladen worden wäre. Innerhalb von drei Jahren wechselte ich zwischen drei Berufen in Handel, Kultur und Industrie, wurde von der „Nationalen Volksarmee“ nach einem halben Jahr als unverdaulich wieder ausgespuckt und … fand dank der erwünschten Praxiserfahrungen einen Studienplatz als künftiger Lehrer. Ich blicke auf viele Details heute mit Verwunderung zurück. Eigentlich hätte es die nicht geben dürfen. Es gab sie aber …

Ich bin also schon früh zwischen „anständigen“ Berufen und der Kunst hin und her gependelt. Logisch, dass mir die Art von Künstlern, mit Arbeit umzugehen, so nahe liegt, dass ich sie gern als künstlerisches Bild für die Arbeit im Kommunismus verwende. Denn meine Vorstellung ist ungefähr so, dass sich dann fast alle Arbeit als Kunst beschreiben lassen wird. Aber eben nur fast …

Es wäre mir sicher möglich gewesen, nach der 8. Klasse aufs Gymnasium zu wechseln. Diese Einrichtung hatte aber den Ruf, nur etwas für strebsame Mädchen zu sein. Außerdem hatte ich keinerlei Berufsziel. Allein auf die Frage, was ich NICHT wollte, hätte ich eine Antwort gehabt: Mein Geld mit körperlicher, besonders handwerklicher Arbeit zu verdienen. Aber positiv etwas wollen?!
Mein Vater hatte sich dafür eingesetzt, dass ich einen der drei Ausbildungsplätze zum „Wirtschaftskaufmann mit Abitur“ in seinem Betrieb bekam. Mutter und Schwester waren Verkäuferinnen, also im Handel, Vater arbeitete in der Großhandelsgesellschaft „Waren täglicher Bedarf“. Die Ausbildung interessierte mich … nicht. Aber wenigstens war ich „untergebracht“. Ich durchlief in der Ausbildung die verschiedensten Abteilungen und Bereiche des Betriebes (bzw. eines Betriebes in Ausbildungskooperation), der für die Versorgung Schwerins mit Waren des täglichen Bedarfs zuständig war. Ich wurde dann als Sachbearbeiter in der Süßwarenabteilung übernommen. Kein Traumjob, aber zumindest kam ich mit den Kollegen zurecht und die mit mir.
Doch das Verderben wartete schon: die Einberufung zum Grundwehrdienst bei der „Nationalen Volksarmee“. Um die Rolle des „Ehrendienstes“ bei den „bewaffneten Organen“ rankten sich viele Legenden. Die wichtigste: Nur wer sich freiwillig wenigstens für drei Jahre verpflichtete, bekäme einen Studienplatz. Ich hatte zwar noch immer keine Vorstellung, WAS ich eventuell studieren könnte, aber das irgendwann tun zu können, wollte ich mir nicht verbauen. Aber dafür zur Armee?! Eher nicht! Also begann ich die Pflicht-Dienstzeit mit der Absicht nicht aufzufallen. ...


Als wir die Idee hatten, gemeinsam ein Liebeslyrikbuch der 50er herauszubringen, dachten wir, dass zumindest einmal ein Gedicht mit dem gleichen lyrischen Bild enthalten sein sollte. Wir entschieden uns letztlich für den Drachen und das Bad im Drachenblut. Zum Schluss stellte sich dann heraus, dass in "Mit Blindenhund duchs Liebesland" ich der Drachen war undRicardo Riedlinger mit "Drachenhaut zweifach" den Siegfried machte ...
Na ja, die Drachen sind inzwischen ausgestorben. Mein Gedicht ".Die Hu und die Fu." dagegen ist in ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" (und zuvor in "worträume") veröffentlicht worden und sozusagen meine Parabel auf "nachhaltiges Wirtschaften ... 

Sonntag, 12. Mai 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1736

Wilde Zeit verspricht die Prosa, ein spezielles Bild für Betonköpfe und eine Lesbenhochzeit die Lyrik. Viel Spaß also


Wie ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand (9)




... Am Ende der 10. Klasse gab es noch eine „Offenbarung“. Meine Klasse machte eine einwöchige Abschlussfahrt. Zufälle brachten mich dabei mit einem Schüler zusammen, von dem ich kaum mehr wusste, als dass er mehrmals nur sehr knapp versetzt worden war. Wir unterhielten uns viel. Anfangs begeisterten wir uns an „Raumschiff Enterprise“ im Fernsehen. Das wäre so ungewöhnlich nicht gewesen. Beeindruckend war aber das darüber hinausgehende Wissen und Denken des Jungen, sein philosophischer Scharfblick. Klar haben wir auch viel „gesponnen“. Aber wichtiger war, dass ich erstmals bei jemandem, den ich weit unter meinem geistigen Niveau eingeordnet hatte – die ganze Schulzeit lang – ein geschlossenes kluges Denksystem erlebte. Eigentlich machte er sich um die Zukunft der Welt mehr Gedanken als ich und er vermochte seine Überlegungen verblüffend klar zu formulieren. Ich bekam das Gefühl, in den letzten Jahren einen Freund übersehen zu haben, weil ich mich zu sehr über ihn erhoben hatte, um ihn überhaupt zu bemerken. Ich ahnte nun, dass es extrem unterschiedliche Möglichkeiten gibt, über die ein Mensch für andere, zumindest aber für einen anderen „wertvoll“ sein kann. Schon damals begann es mir zu widerstreben, solche „Werte“ gegeneinander aufzuwiegen. Warum soll jemand wegen seiner Besonderheit besser oder schlechter sein als ein anderer mit dessen anderer? Vor allem führten mich unsere utopischen Zeitreisen zu einer bitteren Erkenntnis: Es war einfach Zufall, dass ich in meine Zeit hineingeboren war und hier mit guten Zensuren brillierte. Von der sozialen Herkunft in keiner Weise privilegiert graute mir vor der Vorstellung, in einer vergangenen Zeit zur Welt gekommen zu sein. Meine Art zu denken wäre da abfällig weggewischt worden. Nur die Muskelkraft hätte gezählt. An der aber haperte es. Oder was wäre gewesen, wäre ich in einer vergangenen Zeit zur Schule gegangen? Beim Auswendiglernen war ich schwach. Ich wäre also ein „schlechter“ Schüler gewesen. Wer konnte mir sagen, welche Qualitäten in 100 Jahren erwünscht sein würden – die ich vielleicht hätte, vielleicht aber auch nicht. Mein gutes Zeugnis war also nicht objektiv, sondern dem Zufall geschuldet, dass Fähigkeiten zu meinen Besonderheiten zählten, die gerade erwünscht und messbar gewesen waren.

Auch bei der Einschätzung der „Persönlichkeit“ gab es breit gefächerte Unterschiede. Wir Schüler hatten uns einen Sport daraus gemacht, in den letzten Schultagen der Jahre das Klassenbuch zu durchstöbern. Dort trug dann jeder Lehrer für jeden Schüler die „Kopfnoten“ ein: Betragen, Mitarbeit, Ordnung … Gesamtverhalten. Bei „Betragen“ erhielt ich vom Klassenlehrer Dreien oder Vieren. Nicht wenige andere Fachlehrer werteten „sehr gut“. Aber ich war doch derselbe Mensch?! Klar, ich fiel aus dem Raster. Dafür gab es mehrere Erklärungen: Entweder war das Raster falsch oder es war falsch, mit einem „Raster“ zu arbeiten oder … ich hätte mich endlich richtig anpassen müssen an das, was Andere von mir erwarteten. Gelegentlich versuchte ich das. Aber es ging nicht. Ich hätte mich verleugnen müssen.

Es folgte eine beruflich extrem wilde Zeit.  ...


Beginnen wir hintergründig optimistisch. Petra Namyslo stellt ein "Hochzeitssonett" vor. Seine besondere tolerante Freundlichkeit gewinnt es erst so richtig, wenn man den "Untertitel" beachtet ...
Ich halte meinen Torpedokäfer aus dem Gedicht "Ausdauer" dagegen. Solche Leute gibt es leider mehr als genug ... meist stehen sie einer ""Gemeinschaft der Glückssüchtigen"" im Wege ...

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