Freitag, 17. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1486

Morgen haben sich die "Gedichte des Tages" in ihrer Anmoderation ein eigenes Ziel gestellt. Da wollen sie nämlich ein Plädoyer sein, a) seine lyrischen Ergüsse anderen zur Kritik zu präsentieren und b) nie mit dem gerade Geschafften zufrieden zu sein ...


Der wichtigste "Lektor" im Kopf eines Autors ist seine eigene "Schere im Kopf". Teilweise braucht man wohlmeinende Interessierte, die einem sagen, dass wenn man eigentlich eine lange erste Strophe nur deshalb geschrieben hat, um seine eigentliche Aussage in der zweiten zu präsentieren, man doch versuchen sollte, die erste Strophe ganz zu streichen und gleich zu sagen, worum es einem ging. So ging es mir beim ersten Gedicht, mit dem ich mich dem Friedrichshainer Autorenkreis stellte: "Paradies".(Glücklicherweise einnerte sich keiner daran, dass ich das Gedicht schon einmal im Kreis vorgetragen hatte. Das lohnt sich auch, weil trotzdem neue Gedanken ausgesprochen werden.) 
Das Scherenproblem traf dann mehr auf das zweite Gedicht zu, das nunmehr "nähe so fern" heißt. Das war das einzig offen Gebliebene, also ich hatte "Auf kleiner Flamme" nie angezweifelt und ohne eine Alternative anzubieten kam das Urteil, also das gehe überhaupt nicht. Der Rest verformte sich erstmals mit der Entscheidung, es in die "Kandidaten" zum Vortrag aufzunehmen und vor dem Ausdrucken lauerten noch einmal lauter Stimmen, dass da noch Verbesserungen sinnvoll sind. Die betrafen sowohl die Modernisierung der Begriffe (z.B. Blog an Stelle Tagebuch) und das Sortieren der logischen Pole. Es blieb dann ein Änderungsvorschlag, dem ich letztlich doch nicht so folgen konnte: Den Text mit "ein vergangener / pettingtag ..." zu beginnen. Allerdings hat auch diese Kritik ein Ergebnis gezeugt ...


Eine besondere Aufgabe hat die Ankündigung der nächsten Fortsetzung des SF-Romanprojektes nicht. Da wird nur festgestellt, "Jetzt folgt eine weitere Folge":


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (146)


... Den Verlauf der folgenden Tage verstand ich erst später. Ich hatte mit schweren Kämpfen gerechnet, hatte erwartet, einem der vorigen Belagerung vergleichbaren Ansturm von kampfstarken Feinden standhalten zu müssen. Bei dieser Gelegenheit, so hatte ich gehofft, würden sich Teile der bisher unterdrückten Völker auf meine Seite stellen und, wenn ich denn die damit verbundenen Kämpfe gewonnen hätte, danach die Fundamente sein, auf denen ich meine Macht und meine neue Gesellschaft aufbauen konnte. Es kam aber anders.
Schon dass es im Palast eine Gewaltorgie gegeben hatte, hätte ich wahrscheinlich ohne die Robbis nicht einmal erfahren. Warum ich nicht gegen diesen Terror vorging? Ich hielt meine persönliche Position für zu schwach, um groß darauf einzugehen. Sollte ich ausgerechnet die, die sich durch ihren ausgelebten Hass der Rückkehrmöglichkeit in den Schoß der alten Macht beraubt hatten, verprellen? Die würden mich doch aus eigenem Interesse am verbissensten verteidigen. Dachte ich. Außerdem hätten sich die Soldaten gegenseitig gedeckt.
Um Wiederholungen und anderes Unerwünschtes künftig unwahrscheinlicher zu machen, ließ ich aber Überwachungstechnik in allen Räumen des Palastes installieren und übertrug einem Robbi die Dauerbetreuung der dazugehörenden Monitore.
Dass es in den nächsten drei Tagen außer unbedeutenden Geplänkeln keine bewaffneten Auseinandersetzungen gab, schob ich anfangs auf die durch den Schneesturm gestoppte Kommunikation meiner möglichen Gegner.
Aber die Zahl der sofort beantragten Audienzen verwirrte mich schon. Vor allem ersuchten überwiegend Chrustani um eine Gelegenheit, bei mir vorzusprechen. Später erfuhr ich sogar, dass es alle wesentlichen gewesen waren, die nach der Nacht der Gewalt noch gelebt hatten. Keiner von ihnen machte auch nur die Andeutung einer Beschwerde über das, was in jener Nacht passiert war. Auch das wäre allerdings noch einfach erklärbar gewesen. Schließlich hatten diese Männer sich ihren Weg in die Nähe des neuen Throninhabers bei denen erkauft, die da zuvor gewütet hatten. Aber …
Innerhalb der drei Tage schwoll meine Heeresstärke in Chrust auf etwa 17000 Mann an. Ob die fehlenden unterwegs umgekommen waren oder das Weite gesucht hatten, habe ich nie herausbekommen. Diesem Haufen stand eigentlich eine Garnison mit sechsfacher Stärke gegenüber. Selbst, wenn große Teile von ihr durch einen Feldzug gegen mein Ablenkungsmanöver ausgefallen wären, hätten die zurück gebliebenen noch meinen wenig disziplinerbaren Soldaten überlegen sein müssen.
Doch es zeigte sich kein Gegner. Im Gegenteil: Es meldeten sich immer mehr hohe Offiziere, die eine Bestätigung ihres Ranges in meiner Armee erbaten. Eine Falle?
Die Antwort fand ich, wie gesagt, erst allmählich. Sie war denkbar einfach. Die Saks brachten Schneesturm, die Zerstörung ihrer Stadtmauer und mein Erscheinen in Zusammenhang. Ich musste also die Macht einer Gottheit besitzen. Da ich noch dazu so komplikationslos den Chrustino abgesetzt hatte, schien ich der naturgegebene neue zu sein. Wer hätte denn dann eine Bewegung gegen mich anführen sollen und mit welchem Recht? ...



Donnerstag, 16. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1485

Wenn bestimmte Temperaturgrenzen überschritten sind, schaltet zumindest mein Gehirn auf Siestamodus. Was soll ich machen? Eigentlich kann ich froh sein, nicht jedesmal neu ein Gerüst für dieses Journal erfinden zu müssen, sondern zu sagen, "man" hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass zuerst die künftigen "Gedichte des Tages" präsentiert werden und danach folgt die nächste Folge des SF-Roman-Manuskriptprojekts (zum Wetter "passend" mit Schneesturm) - und weil kommt, was erwartet wurde, ist hoffentlich niemand enttäuscht:


Vor lauter Hitze draußen fiel mir nichts Lyrisch-Kreatives ein. Insofern bin ich froh, zwei hochgetunte "beinahe-Liebe"-Gedichte aus dem Keller holen zu können. Ob sich dieses Wetter gestern auch auf den "Friedrichshainer Autorenkreis" ausgewirkt hat?




Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (145)


... Nun ging es um den Plan der Räume. Ich erinnerte mich noch gut an das verwirrte Staunen des Soldaten bei der Befragung in Fredville, der miterlebte, wie ein Robbi seine Erzählung in ein Computerbild verwandelte. Er schien ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen zu besitzen und seine Bemerkungen veränderten unmittelbar das dreidimensionale Bild auf der Projektionsfläche. Ich hatte ihm so einen schockierenden Blick auf meine Möglichkeiten gegönnt, die er fantasievoll ausgeschmückt seinen Kameraden hatte weitergeben sollen. Jedenfalls hatte ich nun eben jenes Bild als Hilfe im Kopf, um zum Thronsaal zu gelangen. Es vergingen nur wenige Minuten, dann saß ich auf dem Thron. Als drei Robbis den machtlosen Herrscher in einem albernen Rüschennachthemd anschleppten, hatte ich bereits dessen Amtskette umgelegt. Für jedes tributpflichtige Vasallenreich ein funkelnder Edelstein darauf – ein schweres Stück. Der Chrustino musste aus tiefem Schlaf gerissen worden sein. Er sah sich mit einem flackernden Blick um, als wollte er begreifen, wie ein Albtraum derart lebhafte Illusionen zu Stande brachte.
Ihr wart der wievielte Chrustino? Na, egal. Jetzt seid Ihr es nicht mehr. Meine Männer werden Euch einen Platz im Kerker frei machen. Danach sehen wir weiter.“
Nachdem der Mann herausgeschafft worden war, sagte ich laut zu den Umstehenden: „So. Ihr habt heute noch zwei Aufgaben: Verfrachtet alle Anhänger des alten Herrschers in den Kerker und sucht euch Plätze zum Übernachten.“
Ich kann wirklich nicht mehr sagen, ob mir klar war, was ich damit anrichtete, ob ich wirklich nur daran dachte, dass uns allen der Frost der vergangenen Tage in den Knochen steckte. Auf jeden Fall schwärmten die Saks meiner Söldnerarmee im Palast aus. Mit überwältigten Edelfrauen vertrieben sie die Gedanken an Vergangenes, mehr als die Hälfte der Höflinge schaffte es nicht lebendig bis in den Kerker.
Draußen wollte der Schneesturm nicht enden. ...




Mittwoch, 15. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1484

Heute wieder das "übliche" Programm. Das beginnt mit den jeweiligen "Gedichten des Tages" von "morgen" ... und dann folgt der Fortsetzungsroman - schon seit vielen Wochen inzwischen der Entwurf für den 1. Teil eines SF-Projekts ...


Als Sommerlochstopfer sollten sie nicht unbedingt ihre Wirkung erschöpft haben. Eher sollte damit bewiesen sein, dass die "Gedichte des Tages" eben nicht nur politisch sein wollen. Und es ist doch auch mal eine Ankündigung, nur zu schreiben "... und nun folgt "beinahe Liebe"" und es folgt das nächste aktualisierte Liebesgedicht, oder?
Also nun "Beinahe Liebe":
      

Nur schlecht war ich aber auch in der frühen Schreibphase nicht, die mit der Veröffentlichung von "Mit Blindenhund durchs Liebesland" abschloss"


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (144)


... Du musst dir das vorstellen: Ich hatte nur die grobe Vorstellung von den Verhältnissen in Chrust, die mir die übergelaufenen Soldaten vermittelt hatten. Und nun das: Eine große Stadt. Ein Schneesturm, der sicher alles normale Leben zum Erliegen gebracht hatte. Ein Explosionsgeräusch, über dessen Quelle bei den Einwohnern eigentlich nur absurde Vermutungen möglich waren. Es war nicht einmal klar, ob man den Krach in der Stadt als nicht zum Unwetter gehörend wahrgenommen hatte. Ich wusste ja nicht einmal, ob vor dem Schneesturm überhaupt irgendwelche Meldungen über meinen Vormarsch zum Oberkommando durchgedrungen waren.
Die Situation war noch in anderer Beziehung eine unerwartete. Ich hatte mit einer Belagerung und einem Sturm gerechnet, in dessen Folge ich auf Partner für einen Kompromiss gehofft hatte. Jetzt eilte ein loser Haufen Soldaten hinter mir her. Hätten sich gegnerische Soldaten darunter gemischt, wir hätte es kaum gemerkt – die wahrscheinlich auch nicht. Links und rechts gab es Häuschen, aber eigentlich hatte ich keinen Blick dafür. Es war fast nichts zu erkennen. Als wir dann plötzlich vor dem Palast des Herrschers standen, beeindruckte auch der nicht. Wir erahnten nur die gewaltigen Ausmaße des Gebäudes. Aber das war uns egal. Wir wollten einfach schnell hinein.
Wieder eine dieser spontanen Entscheidungen. Von draußen gab es nichts als einen mächtigen Türklopfer. Dazu so etwas wie ein Fenster, durch das uns ein müdes Pförtnerlein hätte nach unserem Begehr fragen und mustern können. Das dann sicher Verstärkung geholt hätte. Doch die Berichterstatter hatten mir erklärt, auf der Innenseite gäbe es nur einen mächtigen Riegel. Es wagte sich ja niemand unaufgefordert in die Nähe des Palastes. So befahl ich einem Robbi, mit dem Phot an der Stelle, hinter der das Metall des Riegels sein musste, langsam auf und ab zu strahlen. Inzwischen hatte sich eine Vorhut von schätzungsweise zwölfhundert Soldaten hinter mir gesammelt. Mit einem dumpfen Plopp sprang das Tor auf. Es weit zu öffnen und hineinzustürmen war eins.
Eigentlich stießen wir auf keinen echten Widerstand. Die Saks-Männer, die uns kommen sahen, wurden im wahrsten Sinne des Wortes über den Haufen gerannt. ...


Lyrik-Prosa-Wortkultur 1483






Keine Überraschung? Keine Überraschung, sondern ein Journalbeginn mit den aktuellen Gedichten des Tages" von morgen und dann folgt die nächste Folge des Fortsetzungsromanprojekts:


Meine Erfindung ist es nicht, dass die größte deutsche Partei die Partei der Nichtwähler ist. Woran das liegt? Thomas Reich gibt mit "Privilegiert" eine der möglichen Antworten ...
.Aber es sollte ja nicht zu politisch werden. Also wird ein Stück Liebe angehängt: "Anklopfen" ...



Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (143)





... Ein Unwetter ohne Erbarmen und es kam sehr unpassend. Allerdings hatten die Soldaten andere Sorgen, als sich über meinen Einfluss aufs Wetter Gedanken zu machen. Nicht stehen bleiben, nicht einschlafen … nicht sterben.
Die vordersten konnten sich wenigstens am Geräusch der führenden Fahrzeuge orientieren. Wo die waren, war wahrscheinlich vorn.
Endlich, am Morgen des dritten Tages fast blinden Vorwärtsstapfens meldete der Sender des Sprengjeeps, er habe eine Mauer vor sich. Über 50 Stunden im Wesentlichen ohne Schlaf. Noch immer keine Sicht. Noch immer keine Ahnung, ob und wo welches Teil meines Heeres noch existierte. Einzig die Sender der Robbis meldeten ihre Existenz und dass es in ihrer jeweiligen Umgebung wohl noch lebende Saks gäbe.
Es mag gekalauert sein, wenn ich sage, in Windeseile erwog ich den sinnvollsten nächsten Schritt. Ausschlaggebend war letztlich, dass drei weitere Tage vor der Stadt wahrscheinlich den Kältetod der meisten meiner Männer und das Ende dieses Feldzuges bedeutet hätten. Also war jede Handlung besser als Abwarten. Ich stimmte mich mit dem Robbi im Sprengjeep ab. Er konnte noch vorwärts und rückwärts fahren. Wann er steckenbliebe, war aber wohl nur eine Sache von Stunden, vielleicht schon der nächsten Minuten. Also gab ich ihm den Befehl, entsprechend dem ursprünglichen Plan zu verfahren. Also etwas rückwärts fahren, alles auf Automatik einstellen, direkt in Richtung Mauer abfahren, in voller Fahrt rausspringen …
Für einen Moment schienen die allgegenwärtigen Schneemassen zu zittern. Wellen durchdrangen meinen ganzen Körper, mehr noch, als dass ich den Krach hörte. Wer jetzt noch lebte, musste das auch gespürt haben, er musste wieder eine Orientierung haben, in welche Richtung er laufen musste. Er würde noch einmal alle Kraft zusammennehmen. Ja, da passierte wohl genau das vor ihm, was ihm vorher erklärt worden war. Die Stadt war zum Greifen nahe. Unsere Stadt. Chrust, das wir erobern wollten. Wenn denn noch ein Neben- und Hintermann da sein sollte, der auch diese Stadt erobern wollte. Wenn …
Mein Jeep spürte Trümmer unter sich. Und er überfuhr sie. Irgendwo neben mir im Weißen standen die Mauern Chrusts. Irgendwo neben und hinter mir liefen Soldaten, die noch nicht recht zu glauben wagten, dass sie lebendig durch eine Mauer schritten.
Dabei stand uns das nächste Problem bevor: Wir mussten uns schnellstens in der fremden Stadt orientieren, möglichst ohne auf überlegene Verteidiger zu stoßen. Meine Soldaten ahnten ja nicht, wie gering unsere technische Überlegenheit im Moment war. Aus den Beschreibungen der Vasallensoldaten hatte ich die Robbis Stadtpläne fertigen lassen. Ich musste schnellstens den Palast finden. Solange ich draußen nichts sah, sahen die Männer des Chrustino auch nichts. Aber auf meiner Seite stand noch neben der Überlegenheit meiner Handwaffen im Kampf Mann gegen Mann auch die Überraschung. ...



Montag, 13. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1482

Hurra, es geht wieder mit den neuen "Gedichten des Tages" los - und es sind neue Testgedichte!

Zwischendurch einmal wieder zwei Testgedichte. Bei "KLEINliches" hoffe ich, dass die Überschrift so unmissverständlich genug ist, dass jeder erkennt, von wem hier die Rede ist. Etwas lockerer ist natürlich die "Grammatikalische Morgengymnastik" anzugehen. Da hoffe ich, dass man dem Text sein Entstehungsanlass, nämlich ein tatsächliches morgendliches Verkatertsein, nicht mehr anmerkt ...

Weniger spektakulär geht es beim Fortsetzungsromanprojekt weiter:


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (142)


... Die Verwandlung des Heeres in Glieder und Organe eines gewaltigen Wesens, das langsam durch die Landschaft stampfte, war mitunter sehr schwer. Mindestens 20000 Mann mussten dabei Arbeiten vollbringen, die ihnen unsoldatisch vorkamen. Das Treiben einer Schweineherde war darunter wenigstens noch etwas Lustiges. Außerdem war es mit dem Reiz verbunden, dass der Proviant relativ freiwillig mitlief. Aber die meisten Sachen mussten geschleppt werden. Die einheimischen Tiere, die die Soldaten am Anfang der Belagerung noch mit sich geführt hatten, waren damals entflohen. Große Tiere konnte ich nicht als lebende Strukturen replizieren, und die meisten Wege waren schon unter günstigen Bedingungen schlecht für moderne Technik geeignet. Einzig der Gleiter war beständig im Einsatz. Die Mädchen, die ihn begeistert flogen, waren mit einem schwarzen Ganzkörperüberzug verhüllt. Sie war nicht leicht zu überzeugen gewesen, dass körperliche Annäherungen von Tausenden der Liebe entwöhnten Männer mit einiger Sicherheit nicht nur schmerzhaft und entwürdigend, sondern auch tödlich enden konnten. Sie durften auch nicht sprechen – aber sie genossen doch den Reiz ihrer Rolle als fliegende Geister.
Die Mühen dieser Tour brauche ich wohl nicht auszubreiten. Die kannst du dir ausmalen, wenn du bedenkst, dass bis dahin aus gutem Grund der Winter eine feldzugfreie Zeit gewesen war. Nur die Qualität der replizierten Kleidung überzeugte die Männer.
Als wir geschätzte drei normale Tagesmärsche vom Rand Chrusts entfernt waren, jeden Augenblick irgendwelche Spitzen der Stadt auftauchen konnten und wir damit rechnen mussten, von dort entdeckt zu werden, kam ein Schneesturm auf. Vielleicht wäre es vernünftig gewesen, zu halten und alle zusammenzudrängen. Aber bedenke, der Zug erstreckte sich sowieso über mehrere Kilometer Länge. Wie lange das Unwetter andauern würde, war nicht abzusehen. Zehn zusammenhängende Tage waren keine Seltenheit. Wir wären nicht vorwärtsgekommen. Nie mehr. Und die Jeeps hätten vielleicht bis ins Frühjahr festgesteckt … wo niemand mehr etwas mit ihnen hätte anfangen können.
Ich gab also den Befehl weiterzugehen. Immer weiter in der bisherigen Richtung. Wer konnte, sollte sich mit Neben- oder Vordermann zusammenbinden. Egal wie, nur vorwärts.
Wer wie diesen Befehl ausführte, ja, wer ihn überhaupt weitergab, war nicht zu sehen. Mein Jeep war zwar mit einem Lautsprecher ausgerüstet, der bei gutem Wetter von fast allen Soldaten zu hören gewesen wäre. Diesmal aber hörte man wahrscheinlich nur unwesentlich weiter, als man sehen konnte. Der Gleiter war … ich weiß nicht wo. Der Rest litt mindestens drei Tage Hunger....





Sonntag, 12. August 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1481

Wieder ein politisch belastetes Datum. Ganz können sich die "Gedichte des Tages" da nicht drücken:


Sollen wir oder sollen wir lieber nicht?
Was hilft´s? Der Tag ist nunmal als Tag des "Mauerbaus" so richtig schön propagandatauglich. Da erinnere ich einfach nur so am Rande an einen lyrischen Kommentar dazu. "Rückbau"
Ansonsten machen wir lieber weiter mit der Liebesgedicht-Sammlung: "Am Türspion" passt zumindest vom Titel her zum Tagesthema ...


Insofern hat es ein Fortsetzungsromanprojekt leichter. Man kann auf den Gesamteindruck verweisen, wenn alle Fortsetzungen veröffentlicht sind ... und wenn sie es dann sind, kann man sich immer noch herausreden, dass ja längst schon gerade die strittigen Passagen geändert worden sind ... sind sie ja auch ...


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (141)


... Im Trubel der allerersten Woche nach der Schlacht war nur wenigen aufgefallen, dass etwa 150 Soldaten draußen verschwunden waren. Räuberleben? Nein, meine Robbis hatten sie unauffällig eingesammelt. Sie alle hatten Spezialkenntnisse aus Chrust, ohne Chrustani zu sein, ja, sie waren voll unterdrücktem Hass gegen sie. Ihre Identitäten waren ein Nebenprodukt der umfangreichen Befragungen. Ihr Wissen ging allmählich auf die inzwischen fünfzig für Kampfeinsätze programmierten Robbis über.
Allmählich verwandelte sich meine Stadt in einen riesigen Speicher. Das Gewaltigste aber war ein erster aufgerüsteter Geländewagen. Frag mich nicht, wie lange meine Robbis und ich gebraucht haben, ihn aus lauter replizierten Einzelteilen zusammenzufügen, um ihn dann mit Sprengladungen vollzustopfen. Allzu oft wanderte mein Blick hin und her zwischen der Anzeige meiner Energiereserven und den unermüdlichen Robbis, die tags wie nachts ihr Programm absolvierten. Sehnsüchtig wartete ich auf den ersten Schnee. Die Herbstregen leisteten das ihre. Kalter Wind. Schlechte Stimmung. Keine Nachrichten von der Vorhut, die alle heimlich abgeschrieben hatten. Mitunter viele Stunden lang Wasserfälle. Kaum ein Weg war noch militärisch gangbar. Schlamm. Es näherte sich die Zeit des Ausharrens. Für meine Bauern war das bisher die Zeit der Höhlen. Diesmal stand ihnen ein Überschuss an festen Häusern zur Verfügung. Wie sahen außerhalb meines Valitums Städte aus? Das Bild von Menschenstädten der sogenannten klassischen Staaten war Gegenstand von Computeranimationen – aber auch über 1000 Jahre danach sind manche Lücken im Wissen geblieben, wie da die Menschen gelebt hatten. I.
Endlich war es soweit. Schneetreiben. Drei Tage lang. Dann plötzlicher Frost. Mein Thermometer zeigte morgens 15 Grad minus. Die Bretterhütten schützten nicht mehr. Aber der erste sonnige Tag seit langem brachte für die Männer eine unbegreifliche Überraschung. Stundenlang wurden Feuerplätze vorbereitet. Dann stürmten etwa 500 Bauern aus der Stadt nach draußen. Sie alle schleppten Spieße mit jungen Schweinen. Bald war die Winterluft mit Bratenduft gesättigt. Und dann ging ein Gerücht in den Reihen um wie heißer Grog: Es geht los. Und noch am Nachmittag folgte eine unendlich scheinende Schlange den vorausfahrenden drei Geländefahrzeugen. Sehr militärisch sah der Zug nicht aus. Das Gelände zwang die Soldaten, sich den Platz für den nächsten Tritt sorgsam auszuwählen. Immer länger wurde der Zug. Inzwischen hatte sich allmählich das tatsächliche Ziel unseres Heeres herumgesprochen: Chrust. ...







Lyrik-Prosa-Wortkultur 1480

Die spezielle Seite der niederköchelnden Liebe ist diesmal Ansatzpunkt der beiden "Gedichte des Tages":

Heute stehen zwei inhaltlich ähnliche Aussagen in verschiedener formaler Gestalt nebeneinander. Da ist zum einen das Testgedicht "Auf kleiner Flamme". Aus dem Fundus von "beinahe Liebe" passt dazu "Nebeneinander allein" ... oder?!

Beim utopischen Fortsetzungsroman dagegen geht es um eine Kriegslist:


Slov ant Gali / Gunda Jaron:   

                Ich wurde Gott (140)


... Ich brauchte eine Woche, um die angeblichen Vorhuttruppen mit Waffen, Material und Proviant auszustatten. Die einzige Einschränkung, die sie – allerdings ohne es zu wissen – verkraften mussten, war, dass der Schmuck ihrer Schilde zwar genauso wie bei den bekannten aussah, aber keine elektrischen Ladungen enthielt.
Ich musste mit mehreren Varianten rechnen. Vorstellbar war, dass die neuen Chrustani-Heerführer, kaum, dass sie unter sich waren und gegen ihre eigenen Verbündeten kämpfen sollten, wieder die Seiten wechseln würden. Deshalb plante ich für die Vorhut die Söldner aus Chrust ein, die die Belagerung von Fredville überlebt hatten. Wenn sie mich verrieten, stärkten sie zwar die Garnisonen in ihrer aktuellen Verteidigungskraft, aber sie setzten auch das Alarmsystem des großen Reiches in Gang. Wahrscheinlich würden starke Truppenreserven den Bedrohten in Tlaiantios aus mehreren Reichsteilen zur Hilfe eilen. Da ich ja eigentlich Chrust angreifen wollte, taten sie mir damit einen Dienst.
Die zweite Variante war, dass die Garnison sich der Belagerung stellen musste. Sicher war, dass sich der Angriff auch dann schnell bis Chrust herumsprechen würde. Weniger sicher war, ob von dort ein Entsatzheer geschickt würde, wenn die Zahl der Angreifenden so besiegbar wirkte. Allerdings mussten allein meine frisch ausgestatteten Soldaten einen tiefen Eindruck hinterlassen.
Es gab noch eine Reihe von Abwandlungen dieser Grundvarianten. Sie hatten aber eines gemeinsam: In Chrust würde man bald hören, dass das Valitum, das von einem Reichsheer von 100000 Mann nicht besiegt worden war, nun den Chrust abgewandten Teil des Reiches angriff. Und man würde annehmen, es sollte dort eine vom Chrustani-Reich unabhängige Macht aufgebaut werden. Eigentlich durfte ich davon ausgehen, dass die beweglichsten Truppen nach Tlaiantios eilen würden.
Was ich aber wirklich vorhatte, würden weder die Verräter preisgeben können, noch war etwas so Wahnwitziges zu erwarten.
Selbstverständlich merkte ich meinen neuen Offizieren die Unruhe an, als eine Woche nach dem Abmarsch der Vorhut noch immer keine Bereitschaft zum Abmarsch erreicht war. Allerdings waren die privilegierten Bürger Chrusts unbeliebt genug, um ihnen eine verlustreiche Vorbelagerung zu gönnen, deren Früchte dann die später Nachrückenden ernten würden. Sogar auf die Möglichkeit des Verrats wiesen mich meine Offiziere hin. Aber als Soldaten waren sie verroht genug, um meine Bemerkung, dass den Gegnern keine echten Waffen in die Hände fallen würden, mit Hohngelächter zu quittieren. Dass wir einen Feldzug im Winter wagen konnten, überraschte sie nicht. Sie hatten so etwas nur noch nie mitgemacht. Die übereinstimmende Meinung war eindeutig: Sollte nicht in den nächsten vier Wochen ein Entsatzheer eintreffen, würden wir Tlaiantios überrennen und uns einverleiben. Noch immer klärte ich sie nicht darüber auf, dass sie nach Chrust marschieren sollten, ich nur die Soldaten der Reichshauptstadt hatte wegschicken müssen. Noch immer musste ich Verrat einkalkulieren. Wenn meine frisch beförderten Offiziere hoffen durften, ihren Rang im Imperium zu behalten, konnte ich keine Treue erwarten. ...



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