Montag, 1. Oktober 2012

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1531

Der so umstrittene Erwin Strittmatter verwendete einmal den Satz "Es herbstete." und jeder, der das las, hatte ein Bild vor Augen ... und vielleicht war es das des Schriftstellers. Aber das heißt ja nicht, dass alles gesagt wäre, vor allem, dass das, was schon einmal gesagt worden ist, von Späteren nicht ganz neu gesagt werden könnte.
So stehen bei den morgigen "Gedichten des Tages" zwei Herbstgedichte auf dem Programm ... und hier geht danach die utopische Erzählung weiter ...


Es ist schon ein seltsames Gefühl: Man steht am Grab eines Künstlers und betrachtet seinen Grabstein. Darauf steht aber ein ganz anderer, ein sehr bürgerlicher Name, der die "sterblichen Überreste" des menschlichen Teils eben dieses Mannes vereint mit der Lebensgefährtin, die so viel Freud und Leid mit ihm geteilt ... Vielleicht kannten die, die dem Steinmetz seinen Auftrag gaben, nur die eine Seite des Verstorbenen? Ob wohl Thomas Reich Ähnliches beschäftigte, als er "Abschied nehmen" schrieb?
Nun ja,gerade im Herbst bemerkt man manches als Unabänderlich?



Slov ant Gali: Der lebende See (11)


... Neugierde schienen sie nicht zu kennen, und sei es, weil da ja „Gier“ drin steckte. Bei Spiel und Sport lernte ich die meisten Schla oberflächlich kennen. Die Männer schienen nur unwesentlich weniger sanftmütig zu sein als die Frauen. Ich bemerkte kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Schla. Niemand schien Grund zum Widerspruch zu haben, wenn für oder über ihn entschieden wurde, mit wem er den Hauptteil seines Lebens verbringen sollte. Da so wenig Zeit für Arbeit nötig war, verging die meiste Zeit bei Freude an Kunst, Sport und Spiel. Zu fast jeder Stunde und Gelegenheit hörte man sie singen.
Ich könnte das so fortführen. Für mich als Mensch eine öde Welt des Stillstands. Und ich vermochte sie nicht aufzurütteln. Ich war wohl nicht zum Prometheus geboren.
Bis mir eines Tages eine Idee kam.
„Sag, Wroohni, sind wir nicht vom lebenden See besonders beschenkt worden?“
Es war ein wunderschöner Morgen, Olahoo hatte durchgeschlafen und schlief nach ihrer Morgenbrust schon wieder. Wir hatten uns in Zärtlichkeiten gefunden, und längst wusste Wroohn, dass Wroohni ein Kuschelwort war. So murmelte sie etwas unbestimmt Zustimmendes, als sollte ich sie noch nicht munter machen. „Die Vorsteherin weiß, wann wir wieder zum Danke sagen wandern. Wir werden dabei sein.“
„Das meine ich nicht, Wroohni. Ich meine wir als du und ich, wir beide. Wir sind doch etwas Besonderes. Jeder ist natürlich etwas Besonderes, aber sieh mich doch an: Bin ich nicht anders und du bist bei mir?“
Wroohn schnurrte wie eine Katze und irgendwie spürte ich Sehnsucht nach meiner Welt, in der es eben auch Katzen gab.
„Ich glaube, wir sollten einmal uns ganz persönlich bedanken, dem See unsere Olahoo zeigen und unsere Freude, dass wir sie haben.“ (Warum hatte ich Wroohn eigentlich nie erzählt, dass mir dieser Teufelssee das Baby beinahe entrissen hatte?)
„Wenn du das so sagst, dann machen wir das so.“
Furchtbar. Bestimmt hätte sie das auch gesagt, wenn ich hätte allein gehen wollen. Nur dass sie da heimlich traurig gewesen wäre.
„Weißt du was? Wir gehen gleich los. Etwas Proviant habe ich bereit gelegt und drei Körbe für den See. Psst! Die andren in der Siedlung müssen nichts davon mitbekommen!“
Ich sah es Wroohn an, dass sie das nicht verstand. Sie erkannte aber die spitzbübische Vorfreude an mir und das reichte ihr als Grund, mitzumachen.
Schon vor dem höchsten Stand der hiesigen Sonne stiegen wir vom letzten Hügel hinab in die Senke mit dem mysteriösen See. Wir machten Picknick. Wir verbeugten uns vor dem See. Wir warfen unsere Körbe hinein. Sie versanken. Nicht Besonderes geschah. Wie weiter?
„Darf ich allein in ihm baden?“
„Hmmm!“
Es war sowieso eine vom Gewohnten abweichende Situation. Warum sollten wir da nicht so handeln, wie ich das dachte? Das Problem war nur, dass ich das schwarze Wasser durchquerte, Schwimmzüge andeutete … und es gleich Zeit war, wieder zu Wroohn zu gehen und nichts hatte sich getan. Erst bei den letzten Schritten zum Ufer fielen mir die folgenden Worte ein:
„Möcht bloß wissen, warum hier alle dieses Dreckloch als lebenden See verehren. Also Seen gibt es doch wirklich nützlichere.“ ...






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Follower