Montag, 4. Juli 2011

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1074

Ein Triptychon wäre keines, hätte es keinen (abschließenden?) dritten Teil:




als der Tag
festgesetzt
in Raum und Zeit
sich neigte
und Schatten
an uns heraufkrochen
hieß morgen längst
Vergangenheit

komm
heben wir
die Welt aus den Angeln
hören wir nach uns
Kommende rufen
unbekümmert
und auch
an der Unmöglichkeit
zweifelnd

wehmütig lächelnd
leugnen wir
unseren Neid

bedeckt mit Narben
der Explosionen
unserer Träume
glauben wir zu wissen


Das gehört zu den "Gedichten des Tages" am 6.7.. Dazu kommt mein neues ("en passant" ) und mein altes ( schere stein papier) Gedicht.
Als Prosabeitrag habe ich meine allererste utopische Geschichte ausgegraben ... die letztlich sogar veröffentlicht worden ist:

„SOZAC – Das Glück hat einen Namen“

Die folgende Erzählung erschien 2009 in einem Sammelband mit utopischen Geschichten „Mein außerirdischer Liebhaber“ bei der dorante Edition. Mit „Planet der Pondos“ hat sie allein den Autor gemeinsam:
SOZAC – Das Glück hat einen Namen

Eigentlich liebte Juliane ihr Auto. Allein das leise Summen im Hintergrund löste bereits viel von der Anspannung der stressvollen Arbeitstage. Falls etwas summte! An diesem Nachmittag passierte nichts. Das Handy zeigte auch keinen Empfang … Wenn schon etwas schief ging, dann kam es gleich ganz dicke.
Wenigstens war in der Nähe ein U-Bahnhof. Juliane entschied, dorthin zu laufen und sich von zu Hause aus um den Wagen kümmern.
Seit fünf Jahren war sie nur mit ihrem Auto gefahren. So suchte sie etwas unbeholfen einen Automaten, an dem sie einen Fahrschein hätte lösen können. Von eiligen anderen Passanten vorwärts gestoßen, löste sich das Problem von selbst: An einer Lichtschranke wurde das Entgelt direkt von ihrem Konto abgebucht.
Vor Juliane öffnete sich eine Gasse. Ein Pärchen visierte dort die Vorbeikommenden mit einem pistolenförmigen Gerät an, ohne dass jemand davon Notiz genommen hätte. Alle gingen lächelnd weiter. Wer sollte hier schon die Sicherheit stören?
Bei Juliane stieß das Gerät ein unangenehmes Fiepen aus. Plötzlich fühlte sie sich in eine Ecke gezogen. Ungerührt strömten die nächsten Passanten vorüber. Weil auch die beiden Sicherheitsleute durch sie hindurch lächelten, erstarb Julianes Hilferuf auf ihren Lippen.
Das gibt es also wirklich noch.“
Die Frau hatte eine angenehm warme Stimme. Juliane beruhigte sich wieder.
Seit gut einer Stunde läuft unser Prüfprogramm. Kein Fahrgast ist aufgefallen. Alle haben wenigstens probiert, glücklich zu werden. Ihnen dürfen wir die Gelegenheit anbieten, das Glück zu testen, kostenlos und ohne irgendeine Verpflichtung. Sozac ist genau das, was Sie brauchen.“
Juliane wollte eine ausweichende Antwort geben, um auf den Bahnsteig zu kommen.
Probieren Sie nur. Sie sehen abgespannt aus. Es wird Ihnen gut tun.“
Abgespannt fühlte sie sich tatsächlich. Und die beiden würde sie eh nicht los, ohne eine der angepriesenen Pillen abgenommen zu haben. Also streckte sie die rechte Hand aus und öffnete den Mund zum Dank. Schwupps, schon hatte die Frau Juliane eine Tablette auf die Zunge gelegt.
Ausspucken? Ein kameradschaftlicher Schulterklopfer, Juliane beugte sich vor, schloss den Mund und schluckte unwillkürlich runter. Im Aufrichten suchte sie eine abweisende Bemerkung. Dann sah sie ihnen in die Augen. Waren sie nicht nett?
Vielen Dank auch. Alles Gute! Ciao!“
Kommen Sie gut nach Hause!“
Juliane hüpfte die Treppe hinunter. Eine riesige Werbetafel empfing sie: „SOZAC – Das Glück hat einen Namen.“
Juliane lächelte.
Die nächste Bahn wurde mit fünf Minuten Verspätung angekündigt. Sonst hätte sich Juliane sicher über die weitere Verzögerung geärgert; nun sagte sie sich, die Bahn käme ja gleich. Entspannt betrat sie den überfüllten vorletzten Wagen. Lachend fiel sie später ihrem wartenden Sohn in die Arme. Der vergaß seine ganze Strafrede wegen der Verspätung, sobald sein erzürnter Blick auf die strahlenden Augen der Mutter traf. Zu Hause sangen die beiden nach der Hausaufgabenkontrolle eine Stunde lang Quatschlieder. Glücklich müde ließ sich Max ins Bett bringen. Nach dem Gute-Nacht-Kuss rief er: „Schön, dass es dich gibt, Mutti.“
Zum ersten Mal seit vielen Monaten schlief Juliane ohne zu grübeln ein. Sie schlief sogar durch.
Am nächsten Morgen wachte sie erfrischt auf. Nur ein merkwürdiges Pochen im Genick erinnerte an das alltägliche Grauen beim Aufstehen. Allerdings, während sie sonst mit jedem Handgriff besser in Fahrt kam, nahm diesmal das Pochen eher zu. Oder quietschte Max wirklich lauter als an den anderen Tagen?

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