Mittwoch, 13. Juli 2011

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1083

Die folgende "Ehegeschichte" ist ein lyrische Bewerbung als "worträume 2.0"-Kandidat:


Warteschleife


Zehn Jahre waren sie ein Paar
und ein paar Tage noch, sogar.
Er hat die ganze Zeit gewartet,
auf seine Chance, bei der er startet,

ihr großes, schlimmes Missgeschick,
bei dem er da ist, welch ein Glück,
bevor sie´s trifft, noch abzufangen,
doch nie ist etwas schief gegangen.

Sie wollt ihn all die Jahre stützen,
ihm, sollt´ er fallen, selbstlos nützen.
Sie war zur Hilfe stets bereit
in ihrer Ehe Einsamkeit.

Sie haben niemals sich gestritten,
einander jeden Tick erlitten.
Herabgebrannt die letzten Fragen,
nicht Neues gab es noch zu sagen. 

Dann stürzen sie zu ihrem Leide
zugleich, doch einzeln alle beide.
Allein für sich noch jeder denkt,
wär doch wer da, der mich jetzt fängt.

Als "Gedichte des Tages kommen übermorgen hinzu Sebastian Deyas "todunglücklich" und 
aus 2008    ungeschützter verkehr  , ein Gedicht, das in die ersten "worträume" aufgenommen wurde.

Der heutige Prosabeitrag setzt die etwas skurrile Beschäftigung mit dem getoasteten Kommunismus fort:

Mit dem Toaster fing es an oder Die Kraft der linken Hand


3. Fortsetzung
Mich interessiert Kultur. Am meisten natürlich die Schreiberei. Sonst hätte ich ja auch jetzt nicht versucht, meine Geschichte selbst aufzuschreiben, und alles einem Ghostwriter überlassen.
Jedenfalls ging ich immer am ersten Montag im Monat ins Kulturforum in der Nähe zum sogenannten Literaturstammtisch. Für den ersten Januarmontag war ein Russlanddeutscher mit Anekdoten und Kurzgeschichten aus dem Leben von Auswanderungswilligen und Ausgewanderten angekündigt. Da sogar heitere Texte versprochen wurden, freute ich mich auf eine Abwechslung. Ich wurde nicht enttäuscht. Der Mann schlug Bögen vom Edikt Katharinas der Großen zur Ansiedlung von Deutschen an der Wolga über seinen Großvater zu den Dummheiten eines Bekannten beim Packen des Umzugscontainers. Und Fragen beantwortete er auch. Ein sympathischer Herr, aber geprägt davon, dass seine Vorfahren als Kollektivstrafe für den Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion aus ihrer angestammten Heimat ins tiefe Sibirien vertrieben worden und einige dort verhungert waren. Kein Wunder, dass er diesem Sowjetstaat, aus dem er mehrmals versucht hatte auszuwandern, keine Träne nachweinte. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) interessierten mich seine Geschichten. So kaufte ich sein neues Buch und wartete geduldig auf eine Widmung. „Humor macht kreativ“, schrieb er, und gespannt verfolgte ich die Bewegungen seines Stiftes. Vielleicht auch etwas aufdringlich. Aber hinter und neben mir warteten noch Andere. Da geschah es: Jemand schubste mich, ich stolperte nach vorn und stützte mich am Erstbesten ab, was ich zu fassen bekam, dem Rücken des Autors. War mir das peinlich! Ich wollte mich irgendwie entschuldigen, da sagte er, sein Kuli sei ja nicht verrutscht und … wenn ich sein Buch noch im Kommunismus besitze, dann habe es einen besonderen Wert, einen ganz persönlichen, genau für uns beide. Er wünsche sich sehr, noch den Kommunismus zu erleben, denn das sei ja die Zeit der Künstler. Er lebe jetzt schon ein wenig dort, denn Geld verdiene er mit seinem Schreiben auch heutzutage schon nicht, aber in jener Künstlerzeit fände er wenigstens mehr moralische Anerkennung. Wir müssten einfach gemeinsam mehr gegen den allgemeinen Egoismus tun. Die Banken zu verstaatlichen wäre ein sinnvoller erster Schritt.
Wahrscheinlich hätte er mir eine ganze Predigt über die Vorzüge des Kommunismus gehalten, wenn nicht die nächsten ihm ungeduldig ihre Bücher zum Signieren hingehalten hätten.
Ich wankte zu meinem Platz, verabschiedete mich unkonzentriert von ein paar Bekannten und lief zur U-Bahn. Was war das? Ich hatte den Mann doch vorher erlebt. Wie er die heutige „Freiheit“ angepriesen hatte. Plötzlich fing er an, vom Kommunismus zu schwärmen?! Dass er mir zu Munde redete, schied aus. Er konnte meine politische Einstellung nicht kennen. Was also dann?
Vergeblich versuchte ich daheim einzuschlafen. Ich wagte den Gedanken nicht laut zu denken. Aber ich fasste einen Entschluss: Ich musste einen Test wagen.
(Fortsetzung folgt)

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