Freitag, 15. Juli 2011

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1085

immer morgens zwischen
sieben uhr fünfzehn und
sieben uhr dreißig
verließ er das haus
steckte antworten
in den kasten
auf nie erhaltene grüße
arbeits-lose
arbeitstage
brauchen
ihre ordnung
irgendwann
nicht mehr

endlich
sein verwesungsgeruch
fiel auf

Dies ist einer der beiden "worträume 2.0"-Kandidaten vom 17.7..
Dazu kommt als zweiter "2. Januar" und als Rückblick nach 2008 kontakt eins  



Mit dem Toaster fing es an oder Die Kraft der linken Hand


5. Fortsetzung
Wach wurde ich mit schwerem Kopf, vielen Fragen und der Ahnung neuer Probleme.
Beschränkte sich diese Übertragung meiner politischen Überzeugungen auf den Schlag auf Rücken oder Schulter oder waren auch andere Körperteile als Ziel geeignet, sprich: reichte vielleicht die Hand zu reichen? Im ersten Fall hätte ich mich mit der Zielgruppe Kumpelmänner begnügen müssen. Höchstens jene Frauen wären noch dazu gekommen, die mir mehr als ihrer kalten Schulter zu zeigen bereit waren. Zwar bestand noch die Hoffnung, die von mir Infizierten könnten den ideologischen Virus auf gleiche Weise weitergeben. Doch da hätte ich mich bei Frauenschwärmen anbiedern müssen. Aber so richtig interessant würde die Sache erst, wenn sich das IK-Virus, also das Ideologie-des- Kommunismus-Virus gezielt verbreiten ließe. Vorausschauend graute es mir vor dem nächsten Problem: Die Sitte des Händegebens zur Begrüßung verliert zwar langsam an Bedeutung, ist aber eindeutig an die Benutzung der rechten Hand gebunden. Heutzutage wunderte sich niemand über einen Hammer in meiner linken Hand, höchstens über mein Ungeschick dabei. Aber jemandem zur Begrüßung die linke Hand entgegen strecken? Mindestens peinliche Verwirrung wäre das Ergebnis.
Mir fiel sofort ein, einfach meine rechte Hand zu bandagieren. Da bliebe mir nur die linke zur Begrüßung. Aber ich musste es ja allein versuchen, sofern ich nicht jemanden einweihen wollte. Wie das Ergebnis aussah! Ich verfluchte die zurückliegenden Jahrzehnte, in denen ich meine linke Hand nicht trainiert hatte, versuchte die Binde immer wieder neu haltbar mit meinem rechten Arm, besonders der rechten Hand zu verknüpfen. Doch was ich auch tat, es sah zum Lachen und Fürchten zugleich aus. Es gab nur eine Lösung: Mich musste jemand verbinden, der etwas davon verstand.
Womit ich beim nächsten Problem war. Wem sollte ich meinen rechten Arm hinhalten, ihm bestätigen, dass nichts damit sei, aber er (oder sie) möge ihn mir so verbinden, dass ich auf absehbare Zeit niemandem diese Hand reichen könnte? Ohne Zweifel an meinem geistigen Zustand zu erwecken? Wahrscheinlich hätte ich den schon bei Lilja und Jörg mit einer Erklärung, woher Jörgs Sinneswandel gekommen war, geweckt.
Es blieb mir also nichts Anders übrig, als einen äußeren Anlass, nein, einen echten Grund zu produzieren. Der rechte Arm musste zu Recht bandagiert werden.
Selbstverständlich war ich schon von Leitern gestürzt; ich war auf Tische gestiegen, um eine Glühbirne auszuwechseln, und habe dabei den ganzen Tisch zum Kippen gebracht; ich bin in einen Farbeimer gefallen … Aber außer der Belustigung für zufällige Zuschauer und Freunde war nichts Dauerhaftes passiert. Und absichtlich verunglücken ist erst recht nicht so leicht.
Ich versuchte es mit Kippeln auf eine hohen Leiter. Nur da der Körper ja wusste, was ihm bevorstand, ging er in Sicherheitsbereitschaft. Und bestimmt gibt es Statistiken, die besagen, dass sich Rechtshänder überwiegend den rechten und Linkshänder den linken Arm brechen. Das Unterbewusstsein schickt nämlich das Kommando „Tu doch was!“ im Augenblick der Gefahr spontan zuerst an jenen Arm, von dem es die bessere Reaktion erwartet.
Ich war schon so weit, mich unter Einschluss meines linken Armes wie eine Mumie einzuwickeln, damit ich nur den rechten Arm ausstrecken und brechen konnte. Da fielen mir die nächsten Probleme ein: Einmal angenommen, mir wäre gelungen, mir meinen rechten Arm zu brechen, wie sollte ich mich dann wieder auswickeln oder – wenn mir dies nicht gelänge – wie erklärte ich denen, die mich nachher fänden, meinen „verwickelten“ Zustand? Andererseits erschien mir letztlich wahrscheinlicher, mir einen Halswirbel als diesen blöden Arm zu brechen.
Wie ich es auch wenden mochte, ich fand keine Lösung. Es sind ja immer diese ganz kleinen Dinge des Alltags, die uns daran hindern, Großes zu vollbringen.


( Fortsetzung folgt)

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