Freitag, 22. März 2013

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1688

Konservativ heißt auch, an Vertrautem festzuhalten. Inzwischen sollte jeder sich daran gewöhnt haben, dass es hie mit den "Gedichten des Tages" des Folgetags losgeht:

Ein Blog, das "Gedichte des Tages" heißt und wirklich jeden Tag erscheint, erfasst ein breites Schema von lyrischen Gegenständen und Gestaltungsweisen. Zwei Extreme seien heute "zusammengestellt", also zusammen gestellt. Da wäre Hanna Fleiss, die sich mit "Von Nächten und Lemuren" erneut an ein Shakespeare-Sonett wagt. Dazu oder daneben stellen wir einen Beitrag von Ricardo Riedlinger aus "Mit Blindenhund durchs Liebesland": "Metamorphose 1" ... welch Welten und beides Lyrik...

Vertraut dürfte einem das nachfolgende Klischee vorkommen, ganz Prosa, ganz alt:


Zweiter Frühling

Dieter hatte keine Hemmungen an der Kasse nach dieser Sexzeitschrift zu fragen, die dort nicht offen herumliegen durfte. Fast keine Hemmungen zumindest, denn die Kassiererin hätte er gern auf jenen Seiten wiedererkennen wollen. Doch er hatte es eilig. An diesem Tag wollte er eine Stunde vor den anderen den Platz im Büro besetzen.
Dieter zog seine Chipkarte durch die Stechuhr. Endlich Ruhe. Noch etwas Zeit, ungestört die geilen Seiten zu genießen. Wenigstens alles kurz überblättern … Doch stopp. Was war denn das für eine …? Es waren angeblich „ganz private Leserfotos“, also Leserinnen. Zwar blätterte er weiter, doch immer wieder kehrte er zu diesem Bild mit dem Vermerk „Zuschriften erwünscht“ zurück. Es zeigte ein Mädchen von vielleicht 20 Jahren mit langen rotblonden Haaren, das halb aus dem Wasser kommend leicht verlegen an der Kamera vorbei lächelte.
Dieter schlug die Zeitschrift entschlossen zu, packte sie in die oberste Schreibtischschublade hinter das Büroklammerkästchen. Er bedeckte den Schreibtisch mit Ordnern und Arbeit, die am bevorstehenden Vormittag zu erledigen war. Er schaltete den Computer an, begann zu schreiben … Doch er konnte sich nicht konzentrieren.
Schließlich holte er die Seite wieder hervor, nahm seine Schere, schnitt, nachdem er sich überzeugt hatte, dass auf der Rückseite nichts Erhaltenswertes stand, den Halbakt aus und klemmte ihn über das Foto seiner Frau und seine beiden Kinder, die ihm wie immer vom linken Schreibtischrand her zuwinkten. Dann rückte er das Namensschild in Goldbuchstaben zurecht, das jedem Hereinkommenden zeigte, hier beriet ihn „Herr Platte“. ...


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