Montag, 1. August 2011

Lyrik-Prosa-Wortkultur 1102

Der Countdown geht weiter. Nummer 5 unter den Lyrik-Autoren, die eine der 100 besten Gesamtbewertungen bekamen (und deshalb vielleicht in die diesjährige Anthologie kommen könnte) ist

Katrin Wehmeyer-Münzing (2 Gedichte)



Wie bei allen anderen lohnt der Link.

Aber natürlich greift dieses Journal wieder den "Gedichten des Tages" vor. Dort stehen übermorgen auf dem Programm

der schwarze ritter
schwenkt endlich
ein weißes tuch

im violetten regen
auf der seerosenblüte
leuchten
meines mädchens haare
mahagoni
gegen die wolken

ich reite
auf der kuppe
einer fontäne
zwischen bunten blütenblättern
meine elfe
in den armen

ihr brennen die haare
 ihr flammenkopf
verbrennt
alles gestern
 wir fliegen zusammen
niemand wird weiter
über unsere grüne haut lachen

sowie Gunda Jaron mit "Hopfenintoxination"  und   menschen im august.

Beim Prosateil freue ich mich schon auf die Texte der Friedenslesung. Aber ein paar Fortsetzungen gönnen wir uns noch von

"Uljanas New Home"

12. Fortsetzung

Tag 23
Ich wachte mit einer bösen Ahnung auf. Auf der Erde zu anderen Zeiten wäre ich vielleicht Seherin oder so was geworden. Die anderen waren schon wach und Salio fragte mich, ob er frisches Frühstück rüberholen solle oder ob wie rauf frühstücken gehen wollten. Wir wollten ins Schiff. Zum einen gab es keinen Grund, jetzt schon die Reserven anzugreifen, zum anderen war jede Minute, in der wir mit etwas beschäftigt waren ­ und wenn es der Weg zum Frühstück war ­ ein Gewinn und zum Dritten: wir hatten zu spät einen Fehler bemerkt: Bei unseren ganzen Futterreserven fehlte schlicht frisches Wasser. Wir mussten uns mit welchem eindecken und Fässer rausschaffen für den nächsten Regen.
Wir kamen nicht weit. Vom Schiff aus kam uns Henk entgegen. Er torkelte wie ein Betrunkener oder als hätte er einen Schlag über den Kopf bekommen.
„Wir sind frei!“ grölte er. Dann fing er an zu lachen. „Es war so leicht! Mann, war das leicht.
Allmählich kamen alle zusammen. Es stellte sich heraus, dass Henk weder alkoholisiert war noch einen Schlag welcher Art auch immer bekommen hatte. Er war offenbar nur gnadenlos verwundert. Wie wir aus ihm heraus quetschten, hatte er sich ursprünglich nur ein paar Teile replizieren wollen. Da war ihm die Idee gekommen, einfach einmal zu probieren, was er die ganze Zeit schon gewollt hatte. Er war in die verwaiste Steuerzentrale rüber gegangen. Nichts hatte ihn davon abgehalten. Wie er dann dort gestanden hatte und überlegt hatte, was er nun tun sollte, hatte er einfach ­ während seines Geredes musste er mehr als 50 Mal einfach gesagt haben ­ den Strahler genommen und einfach auf den Hauptschrank gerichtet und einfach abgedrückt. Die Beleuchtung habe kurz geflackert, und er habe sich mit freiem Strahl gedreht und einfach irgendwann aufgehört. Er müsse schnell zum Waldrand.
Henk lief vor uns her zum Waldrand. Er lief recht schnell, und ich nahm unauffällig den linken Arm vor, um nicht allzu unsanft gegen die unsichtbare Mauer zu prallen, wenn dieser merkwürdige Tagtraum zu Ende war. Aber nichts kam. Wir liefen die wenigen Schritte weiter und dann haben wir die nächstbesten Bäume, die, die wir gerade erreichten, umarmt. Mir kam meiner gar nicht so wie eine Pflanze vor. Eher fast so wie Onja, als ich sie das erste Mal umarmt hatte, ganz vorsichtig noch. Wie schön! Wir waren frei! Endlich frei. Und diese Bäume waren unsere Freunde. Vielleicht empfanden die Koom das sogar noch stärker. Irgendwie waren sie ja so was wie menschliche Pflanzen. Ach Quatsch. Ich werde Onja natürlich nicht danach fragen. Sie nimmt mir das noch krumm. Aber dieser Moment ... Nun erst waren wir wirklich richtig hier angekommen. Siedler. Ansiedler in einer neuen Welt. Voller Hoffnungen und Chancen.
Wir ließen die Bäume los, umarmten einander. Tanzten. Zum Tanzen waren die Bäume nun wirklich nicht geeignet. Tanzten bis zur kurzen, glücklichen Erschöpfung. Dann, noch immer wie berauscht, schlenderten wir zum Schiff. Es nahm uns auf wie immer. Wir gingen zuerst in die Steuerzentrale, um uns mit eigenen Augen von Henks Beschreibung zu überzeugen.
Es sah wüst aus. Ziemlich sinnlos war eine Brandschleife wie Graffiti gezogen. Es stank auch nach verbranntem Plast. „Bloß raus hier! Das ist bestimmt giftig“, sagte jemand, und wir strömten raus, wie wir reingeströmt waren.
„Frühstück, Leute!“
Ich weiß nicht mehr, wer das rief, aber ja, genau das war es, was wir jetzt brauchten. Ein total ausgeflipptes Frühstück. Wir zogen also alle zusammen in unsere Mensa, die früher einmal das Offizierskasino des Traumschiffes gewesen war.
„Wie immer“, rief Nori in die Luke. Es passierte nichts. Absolut nichts.
Nacheinander versuchten wir alle unser Glück, wenn auch mit immer weiter geschrumpfter Erwartung; vielleicht nur noch zur Selbstbestätigung, dass man selbst auch vergessen war.
Sagen wir mal ... eine eiskalte Dusche war ein guter Vergleich. Wir standen dumm rum. „Also ausschwärmen“, rief Jenny, „hier waren doch sechs Replikatoren.“
Das Ergebnis blieb ernüchternd, wenn auch nicht ganz vernichtend. Fünf der Replikatoren waren zu keiner Reaktion zu bewegen. Der sechste war ein Witzbold. Man gab ihm einen Auftrag. Meist führte er ihn aus, immer versuchte er es zumindest, und immer, wenn er es versuchte, ging auf der Etage die Hauptbeleuchtung aus. Vielleicht wäre vieles notdürftig instand zu setzen gewesen, aber es gab niemand, der etwas von der Technik verstand. Dann stellten wir fest, dass wir keinen Zugang zum Hauptspeicher bekamen, vorausgesetzt, er war nicht zerstört. Wir verbrachten den ganzen Tag damit, herauszubekommen, was alles noch funktionierte und was nicht. Sagen wir, wir mussten uns davon überzeugen, dass der weitaus größere Teil aller Technik nicht funktionierte. Ausnahmen waren Teilsysteme, die nicht in der Zentrale gesteuert wurden. Dieses Tagebuch zum Beispiel. Aber das waren alles keine sonderlich wichtigen Sachen. Der Preis für unsere Freiheit war hoch. Immerhin: Unser Wasser bekamen wir. Allerdings brummte der verbliebene Replikator so verdächtig laut, dass ich sicher war, er würde bald den Geist aufgeben.
„Und wo schlafen wir jetzt?“
Sarah hatte Recht. Niemand wollte in diesem Kasten schlafen. Woher sollten wir wissen, dass wir am nächsten Tag nicht aufwachten oder nicht mehr wieder raus kamen und Stück für Stück fielen die Systeme aus? Die Schleusenverriegelung deaktivierten wir. Die Luken ließen wir offen. Wer sollte schon kommen? Als der Computer noch funktioniert hatte, hatte er keine bedrohliche Lebensform entdeckt...





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